Zwei britische Selbstmorde haben jüngst für Aufsehen gesorgt. Ein 24-jähriger Investmentbanker der Deutschen Bank in London hatte sich Anfang Juli im Luxusrestaurant Coq d’Argent ein Glas Champagner bestellt, schlenderte über die Dachterrasse, überstieg die Balustrade – und stürzte mit seinem Getränk in die Tiefe. Zweifellos kein stilloser Tod. Er habe sich, heißt es, vor einer drohenden Kündigung gefürchtet und den Gedanken an die nahende Schmach nicht ertragen können. Die Schuld an dieser menschlichen Tragödie lag auf der Hand: Die Krise sei endgültig in den Bankeretagen angelangt, der angelsächsische hire and fire- Kapitalismus habe mit diesem glamourösen Selbstmörder ein denkwürdiges Opfer gefunden.

Der bekannte Dirigent Sir Edward Downes wiederum hatte sich entschlossen, mit seiner unheilbar an Krebs erkrankten Frau den Freitod in der Schweiz zu wählen. Er litt erheblich darunter, dass sein Augenlicht nachließ, und fürchtete überdies, sein Gehör zu verlieren. Für jemanden, der sich zeitlebens der Musik verschrieben hatte, ein erbarmungsloser Schicksalsschlag, ein Künstlerdrama. Unterstützt wurde das Ehepaar bei seinem Selbstmord von der Schweizer Sterbeklinik Dignitas.

Die Debatte um Sterbehilfe, die im Falle des Ehepaares Downes sogleich entflammte, fügt sich nahtlos in einen fruchtlosen Selbstmorddiskurs, der seit der Antike in moralischer Hinsicht geführt wird. Mit Aristoteles, Thomas von Aquin oder Diderot lässt sich die Ansicht vertreten, dass sich Selbstmörder und Sterbehelfer entweder am Staat, an den Interessen der Gesellschaft oder aber an Gottes Schöpfung vergehen. Mit Sokrates, Voltaire, Hume oder Jean Améry lässt sich indes auf die autonome Selbstbestimmung setzen. Die Selbsttötung trage immer die Signatur der Freiheit. Jede Intervention eines Psychiaters sei eine "freche Anmaßung" (Améry).

Die moralische Debatte, die einem aufsehenerregenden Selbstmord folgt, verdeckt, bei Lichte besehen, sein eigentliches Skandalon. Die Empörung über die erbarmungslose Personalpolitik in der Finanzbranche wie die notorische Sterbehilfedebatte lenken von der eigentlichen Verstörung ab, sobald sich jemand umbringt. Sie gründet in dem Umstand, dass kein Selbstmord es vermag, sich seiner Inszenierung zu entledigen. Er ergreift uns als äußerst vitaler Ausdruck der Lebensverneinung. Unweigerlich setzt der Selbstmörder letzte Signale: Das schmucklose Zimmer eines Hospizes, in dem die Tat begangen wurde, hinterlässt wie ein Abschiedsbrief oder der Sprung von einer Dachterrasse ohnmächtige Interpretationswut. Damit spitzt der Selbstmord noch einmal zu, was dem Tod ohnehin eigen ist: seine Unvorstellbarkeit und gleichsam unser Begehren, ihn dennoch ins Bild zu rücken.

"Das schauerlichste Übel", schrieb Epikur, "geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr." Unsere Todesangst entspringt einer Täuschung. Wir fürchten uns nicht vor dem Tod, sondern vor seiner Unvorstellbarkeit. "Aber diese Unvorstellbarkeit hat keine Resignation, sondern vielmehr einen gewaltigen Sturm von Bildern und Visionen ausgelöst", wie der Kulturwissenschaftler Thomas Macho jüngst ausführte. Ob nun mithilfe von Todesmasken in archaischen Gesellschaften und allerlei Begräbnisfolklore, durch barocke Ausmalungen der Hölle oder die Kunst des Memento mori – stets erwies sich Kultur als der "unablässig vielgestaltige Versuch, den Tod um das letzte Wort zu bringen".

Der Selbstmörder markiert besonders grell die undarstellbare Darstellung des Todes, er inszeniert seinen letzten Moment, macht ihn für jedermann sichtbar – und zwar als schöpferisches Individuum. Den Sprung in die Tiefe haben wir gleichsam als Film still vor Augen, als gefrorenes Bild des Todes, der noch keiner ist. Der Selbstmörder stirbt, indem er als tatkräftig Handelnder noch einmal machtvoll aufs Diesseits verweist. Heute aber begreifen wir seine Tat nicht mehr als heroische: Es gibt keine Ehre mehr auf dem Feld der Ehre und keine Märtyrer mehr, die wir verehren. Der Selbstmörder ist beinahe schon anmaßend, da er den gewöhnlichen Tod anderer zu verhöhnen scheint. Er sucht sich im Standbild zu verewigen, wie man einst Denkmäler von gefallenen Helden erschuf. Er ist Künstler einer Kunst, die stets "Schein dessen ist, woran der Tod nicht heranreicht" (Adorno).

Bekanntermaßen wurden in der Moderne die Toten aus unserem Blickfeld gedrängt, die Friedhöfe aus dem Zentrum in die Peripherie, die Leblosen ins Leichenschauhaus. Unser Sterben ist Privatangelegenheit geworden. Selbstmörder heben mit ihrem inszenierten Ableben ein zeitgenössisches Bilderverbot auf. Sie erinnern an das Kleistsche Diktum, das Leben sei nichts wert, wenn man es nicht verachte. Und dass man schon tot sei, wenn man es aufzuopfern nicht jederzeit bereit sei. Dem Selbstmörder verübeln wir, indem wir seine Todesumstände moralisieren, dass er auf einer heroischen Bildwerdung des Sterbens beharrt. Er stirbt eines undemokratischen Todes.