Zu einem guten Agentenfilm gehört heute, dass er die Arbeit des Agenten nicht ganz ernst nimmt und sich über Verschwörungstheorien lustig macht. Vielleicht ist das die postmoderne Art, nach dem Jahrhundert der Geheimdienste diese noch zu kritisieren. Vielleicht drückt sich in Filmen wie True Lies auch der Wunsch aus, das Bedrohliche mit den Mitteln der Kunst zu entschärfen.

So beginnt die beste Spionagekomödie des letzten Jahres, Burn after Reading, mit einem absurden Aktenfund: Die Memoiren eines ehemaligen CIA-Mannes tauchen in einem Fitnessstudio auf, und die Finder wollen das Material an die Russen verhökern – woraus sich eine wilde Genrepersiflage entspinnt. Am Ende erschlägt der Ex-CIA-Mann den Chef des Fitnessstudios, die CIA versteht die Welt nicht mehr, und alle Beteiligten wünschten, sie hätten die alte Geheimdienstregel beherzigt: Burn after reading! Nach Lektüre verbrennen!

Eine Persiflage ist, wenn die Kunst die Wirklichkeit durch Übertreibung lächerlich macht. Aber was, wenn die Wirklichkeit übertriebener erscheint als die Kunst? Anfang Juli wurden in Berlin am Set eines Dokumentarfilms über die Staatssicherheit der DDR echte Stasiakten gefunden. Das Verrückte war, dass sie einen der mitwirkenden Zeitzeugen betrafen, der sie zufällig selbst aus dem Regal mit den Requisiten zog. Seltsamer Zufall! Denn Mario Röllig hat in den achtziger Jahren wegen versuchter Republikflucht in Stasiuntersuchungshaft gesessen. Momentan ist er mit der Bürgerrechtlerin Vera Lengsfeld und dem Liedermacher Stephan Krawczyk für die Verfilmung des Dokudramas Staats Sicherheiten engagiert. Es handelt auch von den Einschüchterungsmethoden des MfS, zu denen immer subtilerer Psychoterror gehörte: Observiere so, dass das Opfer sich zwar verfolgt fühlt, aber nichts beweisen kann und denkt, es habe Paranoia!

Man muss sich vorstellen, wie Mario Röllig mitten im Dreh ein Bündel Akten greift, um es, wie im Drehbuch vorgesehen, auf den Boden zu werfen, aber plötzlich stutzt, weil er sein eigenes Haftfoto sieht. Er schaut, er blättert, er kann es nicht glauben. Lengsfeld und Krawczyk und der Rest des Teams stehen entgeistert, dann rennt Röllig auch schon wie von Furien gejagt aus dem Raum. Und dann?

Die Wirklichkeit hat sich in einen schlechten Agentenfilm verwandelt, und man kann gut verstehen, dass Röllig und der Verband der Opfer des Stalinismus erst einmal nicht an die Öffentlichkeit gegangen sind, sondern die Birthler-Behörde informierten. 30 von etwa 2000 Seiten Opferakte, mit Behördenstempel, mehrfach kopiert und unter die Requisiten gemischt, dazu noch ein paar NKWD-Blätter von 1938: Wie kommt das an den Set? Wo hat die Produktionsfirma, wo haben die Babelsberg-Studios solche Requisiten her? Und ist es üblich, Filme mit echten Akten auszustatten?

In Babelsberg und bei der Birthler-Behörde haben sie natürlich erst mal keine Erklärung, aber sie lassen durchblicken, dass Herr Röllig seine Akten vielleicht schlampig beaufsichtigt habe. Irgendwer könnte sie kopiert und an den Set geschmuggelt haben. Aber wer? Und warum erwähnt niemand die naheliegende Tatsache, dass die Birthler-Behörde immer noch mehrere Dutzend ehemalige hauptamtliche Stasimitarbeiter beschäftigt, unter anderem als "Wachpersonal"? Und dass Stasis die einstigen Häftlinge ständig einzuschüchtern versuchen durch Lügen, Verleumden, Prozessieren? Röllig hat kürzlich erst einen Prozess gegen einen Ex-Oberstleutnant gewonnen, der vor 1989 die Diversionsabteilung des MfS in Berlin leitete – zuständig unter anderem für Rufmord an Oppositionellen.

Falls es alte Stasileute waren, die Rölligs Akte in Umlauf brachten, dann haben sie ein Ziel schon erreicht: dass momentan niemand die naheliegende Vermutung laut auszusprechen wagt, entmachtete Geheimdienstler wollten womöglich einen Aufarbeitungsaktivisten erschrecken. Das Unwahrscheinliche ist aber im Falle der Stasi nur zu wahrscheinlich. Mit den Worten Ernst Blochs: "Die Fälschung unterscheidet sich vom Original dadurch, dass sie echter aussieht." Die Wahrheit unterscheidet sich von der Lüge dadurch, dass sie unechter aussieht.