Audi wird 100, und Martin Winterkorn eilt schwungvoll auf die Bühne vor dem Ingolstädter Audi-Forum. Unten sitzt sein Rivale Wendelin Wiedeking in der zweiten Reihe, oben strahlt der Aufsichtsratsvorsitzende von Audi und Chef des Mutterkonzerns Volkswagen. "Audi ist auf Augenhöhe mit BMW und Mercedes", verkündet Winterkorn den Ehrengästen und Audi-Mitarbeitern, die in der Gluthitze ausharren. Er darf sich freuen: Die Ingolstädter werden sogar weit besser mit der weltweiten Autokrise fertig als die Konkurrenz. Die Marke kommt vor allem beim jüngeren Publikum an, innen wie außen gilt das Design der Audis als Vorbild in der Branche.

Zum Erfolg der Marke hat Winterkorn entscheidend beigetragen. Seine Karriere begann in Ingolstadt, und bevor er im Januar 2007 als Vorstandsvorsitzender in Wolfsburg antrat, war er fünf Jahre lang Chef von Audi. "Ich kenne jede Schraube bei unseren Autos", erzählte er kurz vor seinem Wechsel nach Wolfsburg bei einer Fahrt mit dem Audi-Geländewagen Q7, "ein Automobil ist wie ein Kunstwerk, und wenn es nicht die Handschrift des Chefs trägt, wäre das fatal." Das ist bis heute sein Credo.

Eine andere Autofirma erwähnt Winterkorn an diesem Festtag nicht: Porsche. "Wiko", wie er in Ingolstadt und Wolfsburg genannt wird, verkneift sich jede Spitze gegen die Zuffenhausener. Obwohl jeder darauf wartet. Und obwohl der Erfolg von Audi durchaus demonstriert, dass man eine Luxusmarke innerhalb eines Großkonzerns pflegen kann.

Die kurze Begegnung Winterkorns mit Wiedeking im Festsaal fällt freundlich aus, obwohl sie da offiziell immer noch Gegner bei der Frage nach der Führung eines "integrierten Automobilkonzerns" sind. Über den Machtkampf will Winterkorn – anders als Wiedeking später am Abend – nicht reden. "Wir feiern doch heute Geburtstag", sagt er, bestens gelaunt. Vielleicht ist es schon die Gewissheit des sicheren Sieges, die ihn davon abhält.

Fachlich schätzen sich die beiden Herren durchaus. Öffentlich hat Winterkorn den Einstieg Porsches als Aktionär immer begrüßt, die Logik des Zusammenschlusses der beiden ungleichen Autobauer liege auf der Hand. Dennoch ist klar, auf welcher Seite er steht – nicht nur, weil er beim Galadiner am Tisch mit den Wiedeking-Gegnern Ferdinand Piëch und Christian Wulff sitzt.

Martin Winterkorns Aufstieg ist untrennbar mit der Person Piëch verknüpft. Der hatte den studierten Materialwissenschaftler, der von Bosch zu Audi gekommen war, einst in Ingolstadt entdeckt. Als Chef von Audi machte Piëch ihn zum Leiter der Qualitätssicherung, und als der Porsche-Enkel 1993 zum Vorstandsvorsitzenden in Wolfsburg avancierte, nahm er Winterkorn mit.

In Wolfsburg stieg Winterkorn zum Entwicklungschef auf. Eine hohe Ehre – schließlich war das immer Piëchs Revier gewesen. Wie sehr der österreichische Milliardär den bodenständigen Schwaben aus Leonberg bei Stuttgart schätzt, machte er in seinen Lebenserinnerungen Auto.Biographie deutlich: Wenn er bei technischen Details etwas großzügig und schlampig gewesen sei, habe ihn Winterkorn auf den Tugendweg der Kostenrechnung gebracht. "Im Wechselspiel von Kosten und Qualität erzielt er die besten Ergebnisse." Umgekehrt lobt Winterkorn "den Chef", wie er Piëch bis heute nennt, für dessen "geniale Ideen". Er sei sein "berufliches Vorbild".