Das Besondere an Frankreich sind nicht Descartes, de Gaulle oder Deneuve, obwohl sie alle die Grandeur der Grande Nation personifizieren. Es ist jener namenlose Diplomat, der an die Nato abkommandiert wird und dort zum Einstand doziert: "Dieses Bündnis funktioniert in der Praxis, aber kann es das auch in der Theorie?"

In der Theorie ist Frankreich ein Land, das nicht funktionieren kann: zu cartesianisch im Denken, zu rigide im Aufbau (von oben nach unten), zu stolz auf seine Besonderheiten, die es zuvörderst gegen les anglo-saxons verteidigt. Und doch funktioniert das Land prächtig in der Praxis; sonst wäre es nicht das fünftreichste der Welt.

Womit wir beim Ladenschluss wären. An diesem Donnerstag soll der Senat bestätigen, was die Nationalversammlung schon beschlossen hat: die Liberalisierung des Sonntags. Das ist der vierte Versuch, das Läden-dicht-Gesetz von 1906 zu lockern. Natürlich will Präsident Nicolas Sarkozy an der Theorie des kapitalismusfreien Sonntags festhalten. Aber eine Verbeugung vor der Empirie ist diese Gesetzesvorlage doch. Denn längst gibt es schon an die 180 Ausnahmen. Frische Baguettes am Sonntag sowieso, aber auch eine Absurdität wie diese: Sonnenbrillen dürfen sonntags verkauft werden, weil sie unter "Unterhaltung" (wie Kino und Eisdielen) laufen; Lesebrillen aber nicht. Tatsächlich will auch Sarkozy nicht liberalisieren, sondern nur anders regulieren, wie es sich für einen Nachfahr jenes Jean-Baptiste Colbert (1619 bis 1683) gehört, der die Staatswirtschaft lange vor Marx erfunden hatte.

Die Theorie bleibt, die Praxis wird abermals von staatlicher Hand angepasst – und zwar durch kreative Etikettierung: Freiheit für "touristische Zonen", die auf 500 ausgeweitet werden. Dazu kommen "kommerzielle Zonen", Städte mit mehr als einer Million Einwohnern, wo in Wahrheit nur legalisiert wird, was schon existiert. Bei Frankreichs großem Soziologen Emile Durkheim heißt es: "Das Gesetz folgt den Sitten" – und die ändern sich bekanntlich. Auch in Frankreich sind die Frauen von der Küche in die Kontore abgewandert und wollen in die Läden, wenn sie die Zeit dazu haben. Den hypermarché haben die Franzosen erfunden, nicht die Amis.

Längst zieht auch das Argument vom heiligen Sonntag nicht mehr; Frankreich gehört zu den zehn am wenigsten religiösen Ländern auf Erden; nur 21 Prozent behaupten von sich, regelmäßig in die Kirche zu gehen. Deshalb hilft es auch nicht, wenn der Erzbischof von Straßburg Ecclesiastes bemüht: Es gibt eine "Zeit für die Arbeit" und eine "Zeit für Kunst und Gebet". Die Prediger sind ein wunderbares Poem, aber warum soll der Staat dem Menschen gebieten, wann er shoppen darf? Sind Fußball und Kneipe am Sonntag weniger profan? Was ist geselliger: daheim am Schirm zu kleben und auf eBay zu handeln oder in der freien Zeit in das Gewühl der Straßen von São Paulo, Seoul oder New York einzutauchen?

Ein "Klon Englands", wie Sarkozys konservativer Gegenspieler Philippe de Villiers schimpft, wird Frankreich auch jetzt nicht werden. Aber in einer Stadt wie Paris, wo es Klempner nur in der Theorie gibt, wird die Praxis leichter, wenn man sich sonntags eine Rohrzange kaufen darf.

© DIE ZEIT

Josef Joffe ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier (Archiv)