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Die Grippe wird zur persönlichen Angelegenheit: Alle sollten darauf achten, die Mitmenschen vor dem Virus zu schützen © dpa/picture alliance

Deutschland ist noch nicht Großbritannien. Dort hat sich die Zahl der registrierten Schweinegrippefälle innerhalb einer Woche von 55.000 auf 100.000 fast verdoppelt. Zwar bestand auch in Großbritannien eine Weile die Hoffnung, die Ausbreitung des Virus bis zur Auslieferung eines Impfstoffes im Herbst bremsen zu können, aber diese Hoffnung ist nun zerstoben. Zeitgleich mit den Meldungen aus Großbritannien stiegen in der vergangenen Woche auch hierzulande die Infektionszahlen sprunghaft an. Werden also auch wir bald britische Verhältnisse haben?

Noch ist Deutschland davon weit entfernt. Schwere Fälle waren bisher sehr selten. Viele Erkrankte gesundeten, noch bevor die Bestätigung für das H1N1-Virus aus dem Labor kam. Es schien, als sei die Schweinegrippe das Problem anderer Leute und anderer Länder.

Doch die Hoffnung, die Grippe könne an uns vorbeigehen, war naiv. Spätestens seit die Weltgesundheitsorganisation Mitte Juni die höchste Alarmstufe ausrief, waren drei Entwicklungen absehbar: Erstens wird sich das Schweinegrippevirus umfassend ausbreiten. Deshalb müssen wir uns in den kommenden Wochen darauf einstellen, dass Verwandte, Freunde und Kollegen erkranken. Zweitens ruft das Virus in den meisten Fällen nur milde Erkrankungen hervor. Aber selbst ein vergleichsweise harmloses Virus kann, wenn es auf eine Bevölkerung ohne Immunschutz trifft, sehr viele Menschen befallen. Drittens kann sich die Situation zuspitzen, etwa wenn der Erreger aggressiver wird – obwohl es dafür bislang keine Anhaltspunkte gibt.

In den deutschen Krankenhäusern war die Lage bis Dienstag dieser Woche noch entspannt. In der größten Klinik Europas, in Aachen, lag "kein einziger Grippepatient"; das Gleiche meldet auch das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf; und das Klinikum rechts der Isar in München ließ wissen, alles sei "relativ ruhig". Ganz offensichtlich springt das Virus in Deutschland nicht so geschwind von Mensch zu Mensch wie in Großbritannien. Die meisten Fälle gehen nach wie vor auf Urlaubsheimkehrer zurück, viele von ihnen kamen aus Spanien.

In Großbritannien haben sich bisher 30-mal so viele Menschen mit dem Schweinegrippevirus infiziert wie in Deutschland. Wir sollten deshalb die relativ ruhige Lage hierzulande nutzen, um die notwendigen Abwehrmaßnahmen zu ergreifen. Denn jeder Ansteckungsfall weniger verzögert die Ausbreitung des Virus; so gewinnen wir Zeit bis zur Impfstoffauslieferung im Herbst.

Die Schweinegrippe ist jetzt nicht mehr das Problem anderer Leute und Länder, sondern eine ganz persönliche Angelegenheit. Wir alle sollten unsere Umgangsformen anpassen: nicht mehr wie gewohnt beim Niesen die Hand, sondern den stoffbewehrten Ellenbogen vor den Mund halten, nicht mehr zur Begrüßung die Hand schütteln und – so trivial das klingt – häufig die Hände waschen, öfter mal auch desinfizieren. Noch denken die wenigsten beim ersten Anzeichen eines Schnupfens oder bei Gliederschmerzen an Schweinegrippe. Von jetzt an könnte es besser sein, im Zweifelsfall genau davon auszugehen: Könnte ich mich angesteckt haben? Wie halte ich das Virus von meiner Umgebung fern?