Die deutschen Ökonomen gehen in ihren Debatten gerne eigene Wege. Die Zunft der Volkswirte steckt weltweit in Erklärungsnöten, weil sie die Krise nicht kommen sah und sich nun nicht einmal einig ist, wie man sie bewältigt. Das hat eine geradezu existenzielle Debatte über die Grundlagen der Wirtschaftstheorie ausgelöst. In Deutschland aber ereifern sich die Professoren über den angeblichen Gegensatz von Empirie und Mathematik.

Los ging das Ganze an der Kölner Universität, als man dort mehrere Lehrstühle klassischer deutscher Ordnungspolitiker an mathematisch orientierte Forscher angelsächsischer Prägung vergeben wollte. Daraufhin empörten sich mehr als 80 deutsche Professoren darüber, dass der eher politisch-philosophische Zugang der deutschen Ordnungsschule den realitätsfernen Formallogikern weichen solle. Worauf mehr als doppelt so viele zurückwetterten, nur auf diesem Wege könne die deutsche Volkswirtschaftslehre zum Weltniveau aufschließen.

Bloß – das ist der Streit von gestern.

Natürlich gibt es mathematisch orientierte Ökonomen, die im Hörsaal nur seelenlose Formeln an die Wand werfen und keinen Bezug zur Wirklichkeit herstellen. Genauso reden manche Ordnungspolitiker zwei Stunden lang im Kreis, ohne zu einer klaren Aussage zu gelangen.

Doch gute Wirtschaftsdidaktik verbindet heute beide Ansätze, wie man von Oxford bis Harvard – und übrigens auch von Kiel bis St. Gallen – erleben kann. Denn die Ökonomie ist längst dabei, sich interessanter zu machen. Moralische Fragen finden wieder Einlass in die moderne Theorie, die durchaus nach unseren Ideen von Fairness und Gerechtigkeit fragt. Und historisch haben die Forscher ebenfalls einiges zu bieten, weil sie mithilfe der kulturellen Entwicklung wichtige Vorlieben und Gewohnheiten erklären.

Früher wurde der Wirtschaftsnobelpreis vergeben für die sogenannte Allgemeine Gleichgewichtstheorie, ein Wunderwerk aus Formeln, in dem man nur schwerlich die Wirklichkeit erkennen konnte. Heute aber geht der Preis sogar an Verhaltensforscher. Der lange Weg der Volkswirte zurück zur Realität hat also längst begonnen. Und doch sind Forschung und Lehre durch die Weltwirtschaftskrise selbst noch tiefer in die Krise geraten. Nicht bloß, dass die Prognosen der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung so sehr zum Glücksspiel gerieten, dass ein führender deutscher Ökonom die Vorhersagen gar nicht mehr veröffentlichen wollte. Auch in der Frage, wie die Staaten nun reagieren sollen, tun sich riesige Gräben zwischen den Schulen – man könnte auch sagen: Kirchen – der Ökonomen auf.

Nur rekordgroße Konjunkturprogramme bringen uns aus der Krise – das sagen die einen. Das Geld verpufft – das antworten die anderen. Eine Seite sagt, uns drohe eine Hyperinflation, wenn die Staaten sich weiter verschuldeten und die Zentralbanken alle Schleusen öffneten. Blödsinn, so der Gegner, das haben wir im Griff.