Dass sich die Engländer so sehr um ihn bemühen würden, hatte Oliver Sauer nicht erwartet. Zwei Jahre lang arbeitete der diplomierte Sozialpädagoge als Gruppenleiter in einem Kinderheim in Freiburg. 40 Stunden Knochenarbeit mit schwererziehbaren Jugendlichen, 1400 Euro netto im Monat, Karriereaussichten gleich null. "In Großbritannien haben sie mich mit Kusshand genommen", berichtet der 31-Jährige.

Solche Sätze kommen in der Aula der Alice-Salomon-Hochschule in Berlin-Hellersdorf gut an. Rund dreißig Studierende, die kurz vor ihrem Abschluss stehen, sind an einem regnerischen Tag Ende Juni zur Jobbörse der britischen Recruiting-Agentur Jacaranda gekommen. In jedem Semester findet diese Veranstaltung statt, unterstützt von der Agentur für Arbeit. Um Jobchancen für Sozialpädagogen in Großbritannien geht es heute. Olivers Vortrag soll den Studierenden Mut machen, sich auch international zu bewerben.

Für ihn ist es in England gut gelaufen. Das Jugendamt in der pittoresken Kleinstadt Newbury hatte einen sogenannten shadow-day veranstaltet, bei dem die Bewerber ihre britischen Kollegen einen Tag lang wie ein Schatten begleiten durften. Kurz danach unterschrieb er einen festen Vertrag. "Die sind froh um jeden Deutschen, der sich bewirbt", erzählt Sauer in tadellosem Englisch – und zeigt Fotos von den Arbeitskollegen, die ihn schon am ersten Tag zu einer Party mitnahmen. Mit einem aufmunternden Nicken entlässt er die Studenten in die Mittagspause.

Elisa Lenz ist zur Karriereplanung auf der Jobmesse. Nach ihren Bachelorprüfungen im September will die 25-Jährige für einige Zeit in Großbritannien arbeiten. Doch vorher hat sie noch Fragen: Kommt man mit Schulenglisch überhaupt durch? Haben Sozialarbeiter in England wirklich so einen schlechten Ruf? Was mache ich, wenn das Heimweh zu groß wird? Trotz der Bedenken trägt sich Elisa mit 20 anderen für ein Vorstellungsgespräch am Nachmittag ein. Olivers Bericht hat ihr Mut gemacht, und einen festen Job in Deutschland hat sie nicht in Aussicht.

Elisa geht es wie vielen Sozialpädagogen in Deutschland. Denn obwohl die Bundesagentur für Arbeit im vergangenen Jahr fast 12 Prozent mehr freie Stellen für Sozialarbeiter und Sozialpädagogen meldete als noch im Jahr 2000, ist der Arbeitsmarkt in Deutschland schwierig. "Drehtüreffekt" nennt das Alfred Handl, Vermittler bei der Agentur für Arbeit in Frankfurt am Main: "Soziale Arbeit bedeutet heutzutage vor allem Projektarbeit, dadurch müssen sich viele Bewerber immer wieder arbeitslos melden." Tatsächlich waren 85,5 Prozent der Stellen, die die Arbeitsagentur Sozialarbeitern und Sozialpädagogen im Jahr 2008 anbieten konnte, befristete Jobs. Auch der Anteil der in Teilzeit arbeitenden Sozialpädagogen ist seit dem Jahr 2000 um 11,4 Prozent auf gut 40 Prozent gestiegen.

Hinzu kommen die geringen Verdienstmöglichkeiten – für Berufseinsteiger gibt es im öffentlichen Dienst nach Tarifvertrag 2237,38 Euro brutto monatlich – und das bei teils extrem hoher Belastung und langen Arbeitszeiten. Überhaupt ist es für frische Absolventen schwieriger, einen Job zu finden, als für ihre älteren Kollegen. Denn vergangenes Jahr war nur jeder fünfte arbeitslose Sozialarbeiter und -pädagoge unter 35 Jahre alt, in diesem Juni war es schon jeder vierte. Insgesamt wenig attraktive Aussichten für Berufseinsteiger. Deshalb entscheiden sich immer mehr Absolventen dafür, ihr Berufsleben im Ausland zu beginnen, wo sie wie in Großbritannien eine feste Anstellung und ein sehr gutes Einstiegsgehalt erwartet. Bis zu 44400 englische Pfund im Jahr verdient dort ein ausgebildeter Sozialarbeiter im öffentlichen Dienst. Das sind rund 52300 Euro.

Warum auch auf britischer Seite das Interesse so groß ist, erklärt sich René Mantik von der Recruiting-Agentur vor allem mit dem Image des Berufsstands: "Sozialarbeiter haben in Großbritannien einen extrem schlechten Ruf." Die Yellow Press schlachte spektakuläre Fälle von Kindesmisshandlung aus und schiebe alle Schuld den schlecht ausgebildeten und deshalb heillos überforderten Sozialarbeitern in die Schuhe. Auch seriöse Zeitungen sprechen von einer Krise der Kinder- und Jugendhilfe.