Es war ein kühler Juliabend im argentinischen Winter, als Alfonsina Irusta beschloss, eine Subversive zu werden. Sie lag auf dem Sofa in ihrer Studentenwohnung, neben ihr stapelten sich Bücher für die nächste Juraprüfung, der Fernseher lief. In den Nachrichten zeigten sie einen alten Mann mit weißem Haar und Tränensäcken. Er saß auf der Anklagebank in einem Gerichtssaal, fingerte eine Lesebrille aus seiner Anzugtasche, starrte auf ein Blatt Papier und sagte: »Argentinien ist das erste Land in der Geschichte der Menschheit, das seine siegreichen Soldaten bestraft.« Alfonsina spürte einen Stich im Magen. »Warum lassen sie ihn so etwas sagen?«, hämmerte es in ihrem Kopf. Der 80-Jährige wurde zu lebenslanger Haft verurteilt. Er hieß Luciano Menéndez und war einer der ranghöchsten Generäle während der letzten Militärdiktatur.

Frauen mussten mit gefesselten Händen ihre Kinder zur Welt bringen

Menéndez, genannt die Hyäne, war der Befehlshaber von geheimen Folterlagern in zehn Provinzen. Etwa 30.000 sogenannte Subversive ließen die Generäle von 1976 bis 1983 entführen, foltern und ermorden. Die Hälfte waren Studenten, Dozenten und Intellektuelle, die von einer Gesellschaft ohne Armut träumten. Weil sie Flugblätter verteilten, band man Abiturienten auf ein Metallbett und quälte sie mit Elektroschocks. Weil sie marxistische Parolen an Häuser malten, riss man Studenten die Fußnägel aus. Schwangeren steckten die Folterknechte Stromstäbe in den Uterus, um den Fötus zu töten. Andere mussten mit gefesselten Händen ihre Kinder zur Welt bringen, danach nahmen Militärärzte ihnen die Babys weg und schenkten sie Günstlingen des Regimes. Bis heute wissen viele dieser Kinder nicht, wer ihre Eltern sind.

Carmen, Alfonsinas Mutter, gehörte zu den ersten Opfern. Sie studierte Politik an der Universidad Nacional in Córdoba und war Vorsitzende der Fachschaft. Das reichte, um verdächtig zu sein. Carmen ist eine der 17 Überlebenden von 3000 Opfern aus der gelehrten Stadt, wie Córdoba genannt wird. Das Militär wütete hier besonders schlimm, Córdoba ist mit sieben Hochschulen das Bildungszentrum Argentiniens. Auch die 22-jährige Alfonsina studiert an der Universidad Nacional, sie sitzt jeden Vormittag in derselben Aula wie ihre Mutter vor 30 Jahren. An den Wänden in der Damentoilette haben Studierende ihre Spuren hinterlassen. »Luchar siempre!«, auf ewig kämpfen, steht über dem Waschbecken, daneben ein mit zittriger Hand gezeichnetes Herz und das Datum des Militärputsches: März 1976.

Viele Verantwortliche des Staatsterrors leben weiter unbehelligt im Land

Die staatliche Universität erinnert eher zaghaft an die Widerstandskämpfer. Das Interesse der Bewohner Córdobas hält sich in Grenzen, man will lieber vergessen, was früher war. Por algo será , irgendwas werden die Gefangenen schon getan haben, heißt es noch heute.

Alfonsina sagt, sie sei nie »politisch« gewesen, bis zu dem Tag, an dem sie vor dem Fernseher zusehen musste, wie Luciano Menéndez von der Anklagebank aus seine Verschwörungstheorie vom Kampf gegen die »marxistische Guerilla« verkündete. Am nächsten Morgen, es war der 26. Juli 2008, trat Alfonsina der linken Organisation Hijos bei, die von Kindern der Opfer gegründet wurde und der sich seit einigen Jahren immer mehr Studenten anschließen.

Die Kommandozentrale der Hijos in Córdoba liegt im ersten Stock eines Altbaus mit tannengrüner Fassade. Eine Wendeltreppe führt in einen großen Raum mit bunten Bodenfliesen. An den Wänden hängen Fahnen für Demonstrationen, davor liegen Fahrräder mit platten Reifen. In einer Ecke, abgetrennt durch ein schiefes Bücherregal, steht Alfonsinas Computer. Hier schreibt die Jurastudentin Protestbriefe an Richter, die Prozesse gegen Täter wegen Verfahrensfehlern einstellen. Bis 2003 gab es eine Amnestie, seit 2005 werden Verantwortliche wieder vor Gericht gestellt. Doch viele Militärs sind inzwischen alt, sie wandern für ein paar Monate ins Gefängnis, danach bekommen sie Hausarrest. Die Studenten, die sich bei den Hijos engagieren, fordern in Petitionen und durch ihre Demos normale Gefängnisstrafen. Sie kümmern sich um Menschen, die während der Diktatur geboren wurden und ihre Identität nicht kennen. Alfonsina verfasst auch Rundmails an Kommilitonen, die sich zu escraches versammeln. Das Wort bedeutet »ans Licht bringen«. Die Hijos spüren Verantwortliche des Staatsterrors auf, die nach wie vor unbehelligt in Argentinien leben. Priester, die mit den erzkatholischen Generälen kooperierten. Ärzte, die an Kindesentführungen beteiligt waren. Bei den escraches ziehen Studenten und Angehörige der Opfer mit Trommeln durch den Stadtteil, in dem der Täter wohnt, und markieren sein Haus mit roter Farbe, zurück bleibt der Hinweis: »Hier wohnt ein Mörder.«

»Mir geht es nicht um Rache«, sagt der 31-jährige Gustavo Godoy. Sein Adoptivvater holte ihn im Alter von sieben Tagen aus einem Militärkrankenhaus ab. Das war im April 1978. Bis zum 25. Lebensjahr dachte Gustavo, seine Eltern seien bei einem Unfall gestorben. Heute weiß er, dass sein Vater getötet wurde, weil er in einer Gewerkschaft war. Seine Mutter folterten die Militärs, damit ihr Mann andere Oppositionelle verrät. Gustavo will jene wachrütteln, die damals wegschauten und sich noch heute aus allem heraushalten. Dass die Hijos für manche Argentinier Subversive sind wie ihre Eltern und Politiker ihre Proteste nur beachten, wenn Wahlkampf ist, stört Gustavo nicht. »Der einzige verlorene Kampf ist der, den man aufgibt«, sagt er und schaut aus dem Fenster.