Die Notfallstation am Berner Insel-Spital ist ein Hochdruck-Betrieb. 30.000 Patienten werden hier jährlich behandelt, rund die Hälfte davon sind »Selbsteinweiser«, wie das Fachwort lautet, und jeder findet sich nach eigenem Empfinden zu Recht ein. Auch wenn ihn nur ein Blessürchen plagt. Die Ärzte wiederum müssen ihn behandeln: Auf der Notfallstation herrscht »Aufnahmepflicht«. Das kann zu grotesken Situationen führen, etwa wenn eine Patientin in Stilettos über schmerzende Füße klagt. Statt die Dame mit einem Tipp für angemessenes Schuhwerk zu entlassen, muss die Notfallärztin untersuchen, ob eine ernste Krankheit vorliegt. »Supratentoriell« nennen Ärzte solche Beschwerden augenzwinkernd: oberhalb des Kleinhirns liegend.

Nun zeigen Studien, dass sieben von zehn Patienten die Dringlichkeit ihres Gesundheitsproblems falsch einschätzen. Mit der Folge, dass leichte Fälle die Notfallstationen verstopfen und die Patienten sich über lange Wartezeiten ärgern. »Neun von zehn Patienten gehen berechtigterweise zu einem Arzt«, sagt der Chefarzt der Insel-Notfallstation, Heinz Zimmermann. »Sie gehören aber nicht zwingend in den Notfall eines hoch spezialisierten Uni-Spitals.« Die Ressourcen werden schlecht eingesetzt – teuer und unnötig.

Doch auf der anderen Seite sind die Notfalldienste der Hausärzte immer seltener verfügbar. Zudem melden sich Menschen aus anderen Kulturkreisen oder Jüngere eher auf der Notfallstation: Die einen, weil sie in ihren Herkunftsländern keine Hausarztversorgung kennen; die anderen, weil sie sich nie einen Hausarzt zugelegt haben und ihnen der Durchblick fehlt im Dschungel von Allgemeinärzten, Spezialisten, Therapeuten und alternativen Angeboten.

Der Bundesrat will nun den gordischen Knoten zerschlagen. Als dringliche Maßnahme zur Eindämmung der Gesundheitskosten schlägt der zurücktretende Innenminister Pascal Couchepin dem Parlament unter anderem vor, dass die Krankenversicherer »medizinische Telefondienste« einrichten müssen, wo sich Patienten unabhängig beraten lassen können.

Offenbar dämmert es den Schweizern, dass die Sofortversorgung bei jedem medizinischen Problem nicht mehr finanzierbar ist. Nächstes Jahr droht ein Schub der Kassenprämien von bis zu 20 Prozent. Sieben von zehn Menschen im Land finden jetzt schon, man solle »nicht für jede Bagatelle zum Arzt« – dies erhoben die Krankenversicherer von Santésuisse in ihrer jährlichen Umfrage Sondage santé .

Viele Versicherte greifen daher jetzt schon zum Telefon und suchen Rat. Beim Beratungsdienst Medi24 klingelte das Telefon letztes Jahr 350.000 Mal, heuer dürften es 400.000 Anrufe werden. Dabei werden die Patienten von medizinischen Fachleuten mithilfe eines computerbasierten Befragungsschemas triagiert. »Wir beurteilen die Dringlichkeit eines Problems«, sagt Andrea Vincenzo Braga, der Chefarzt des Telemedizin-Anbieters. »Unsere Empfehlungen reichen von Selbstbehandlung – in etwa zwei Dritteln der Fälle – bis zum Rat, sofort eine Notfallstation aufzusuchen, was in weniger als einem Prozent der Fälle geschieht.« Braga betont, dass am Telefon keine Diagnosen gestellt werden. »Wir schätzen nur die Dringlichkeit des Problems ein.«

Die Kernfrage lautet nun also: Wie sicher ist die Telemedizin? Antworten liefert eine Studie, die Medi24 am Notfallzentrum des Berner Insel-Spitals durchführte. Dabei wurde die Dringlichkeit bei 153 Selbsteinweisern eingeschätzt – und tatsächlich stuften die Telefonberater bei einem Patienten den Fall als »potenziell lebensbedrohlich zu wenig dringlich« ein. Das entspricht 0,65 Prozent. »Aus einer leichten Rötung hätte im schlimmsten Fall ein allergischer Schock werden können«, erläutert Andrea Vincenzo Braga den Fall. Und er gelangt so zum Fazit: Die Gefahr, dass bei der telefonischen Triage ein Fehler geschieht, sei nicht höher als in jeder anderen medizinischen Einrichtung. Peter Camenzind