Es ist still im Konzertsaal, furchterregend still. Nur ein zaghaftes Waldhorn dringt ab und an aus dem Umkleideraum herüber, und die Klimaanlage im Mann Auditorium röchelt angestrengt. In Tel Aviv ist es heiß und feucht dieser Tage. Die riesige Bühne ist verlassen und scheint jeden zu verschlucken, der sie betritt. Der erste Kandidat bahnt sich seinen Weg durch die leeren Stuhlreihen, seinen Kontrabass wie eine Tanzpartnerin vor seinem Körper, und setzt sich auf den hohen Hocker am vorderen Bühnenrand.

In einiger Entfernung, von Reihe 20 des Parketts aufwärts, mustern die Juroren des Israel Philharmonic Orchestra den Musiker, der zu ihnen gehören will. Maestro Zubin Mehta, der Chefdirigent des Orchesters seit mehr als 40 Jahren, sitzt umringt von den Vertretern der Streichergruppen: Der Konzertmeister ist dabei, der Erste Cellist, der Erste Kontrabassist. Sie alle gehören zur Kommission, die entscheiden soll, wer von den drei Kandidaten, die heute vorspielen, es wert ist, in das Orchester aufgenommen zu werden. Sie alle haben diese Prüfung selbst durchlitten. Sie kennen die beklemmende Angst vorm Versagen, diese Momente, in denen auf einmal den Bläsern der Atem stockt und den Streichern der Bogen zittert. Sie alle haben eine Vorstellung davon, was es braucht, um aufgenommen zu werden. "Wir suchen nach Musikern, die etwas zu geben haben", sagt Peter Marck, der Erste Kontrabassist, "die eine eigene Haltung, einen inneren Klang besitzen."

"Vanhal", die Ansage von Zubin Mehta kommt aus dem Zuschauerraum. Auszüge aus den Kontrabass-Konzerten von Johann Baptist Vanhal und von Sergej Kussewitzky stehen auf der Liste der Stücke, die der Kandidat präsentieren muss. Aufrecht, mit angewinkeltem linken und ausgestrecktem rechten Bein an der Unterzarge des Instruments, beginnt er zu spielen. Der Ton klingt verhalten nervös und wird begleitet von einem sonderbaren Knirschen irgendwo unter ihm. Der Kontrabassist überhört es, er kann sich nicht ablenken lassen bei dieser Prüfung, die über sein musikalisches Leben entscheidet. "Langsamer", ruft ihm Mehta dazwischen, nicht, weil der junge Musiker im schwarzen, kurzärmeligen T-Shirt zu schnell wäre, sondern nur, um zu sehen, wie er mit Anweisungen zu Tempowechseln zurechtkommt. Der Kandidat spielt nun nicht wirklich langsamer, aber immerhin mit kraftvollerem Ton, der Oberkörper beugt sich tiefer, als das Knirschen plötzlich lauter wird, dann kracht es – und der Holzstuhl bricht unter ihm zusammen.

Das Orchester spielte im Krieg, die Zuhörer trugen Gasmasken

Entsetzte Stille im Zuschauerraum. Und dann kann sich keiner mehr halten, die Jury bricht in tosendes Gelächter aus. Nur der Dirigent bleibt ernst. "Ich bin nur froh, dass es nicht der Kontrabass war", sagt Mehta trocken und wartet, bis ein Bühnenarbeiter dem verzweifelten Prüfling einen neuen Stuhl gereicht hat. Mehta hat dieses Orchester im Krieg dirigiert, als Israel unter Raketenbeschuss lag, er hat im Ausnahmezustand dirigiert, als die Zuschauer im Konzertsaal Gasmasken trugen. Wieso also sollte er Rücksicht nehmen auf so eine Lappalie oder Mitleid haben mit dem aufgeregten Kontrabassisten? "Fahren Sie fort", sagt Mehta ungerührt. Und zwischen den Trümmern des Hockers hebt der junge Kontrabassist wieder an.

Wer in das Israel Philharmonic Orchestra aufgenommen werden will, muss wissen, dass dies nicht einfach ein Orchester ist, sondern ein Symbol für musikalischen Widerstand, muss wissen, dass der Ausnahmezustand aus Krieg und Krisen zur Normalität dieser Musiker gehört.

Die ganze jüdische Geschichte des 20. Jahrhunderts spiegelt sich in diesem Orchester – Antisemitismus und Schoah sowie Zionismus und Gründung des Staates Israel. Gewalt und Furcht bilden den existenziellen Resonanzraum dieses Orchesters ebenso wie Hoffnungen und Träume. Alle Brüche der israelischen Vergangenheit, aber auch alle Widersprüchlichkeiten der israelischen Gegenwart finden sich in diesem Orchester.

Mordechai Rechtman sitzt aufrecht in einem schwarzen Ledersessel und blickt aus dem Fenster auf die Häuserlandschaft von Tel Aviv im Nachmittagslicht. Er bietet eine Schale mit frischen Kirschen und Weintrauben an. Einundsiebzig Jahre liegt sein Vorspielen jetzt zurück, 1938, da war Mordechai Rechtman gerade mal zwölf und kaum größer als sein Fagott. Erst vier Jahre war er damals in Israel, und doch erhielt er sofort ein Stipendium und fand schon bald Aufnahme im Orchester. "Es war für mich wie ein Wunder, dass ich aufgenommen wurde", sagt Rechtman. Israel war noch klein, es gab noch keine große Szene an exzellent ausgebildeten Musikern zu dieser Zeit. "Es war ein fagottloses Land", sagt er und lacht, "das war mein Glück."

Mordechai Rechtman gehört zu der Generation, die noch vor dem Krieg aus Deutschland geflohen ist. 1926 in Wuppertal geboren, flüchtete Rechtmans Familie 1934 ins damalige Palästina. Er erinnert sich, wie der Lehrer in der zweiten Klasse in der Schule in Barmen die Kinder durchzählte nach Konfessionen: "Jude", "Christ". Mordechai Rechtman hebt seine Hand, zählt in der Luft, und er erinnert sich, wie ihn im Pausenhof die Kinder umzingelten und riefen: "Du bist ein Jude", "Stech ihn!".

Zeitgleich mit Rechtman kam auch ein Bratschist aus Deutschland an, Zev Steinberg. Allerdings zunächst ohne seine Familie. Einen Tag nach der Machtübernahme Hitlers, am 31. Januar 1933, hatte Steinbergs Vater, ein Arzt in Trier, einen Brief an die Jewish Agency in Berlin geschrieben und gebeten, seinen Sohn Zev, der damals noch im Domchor von Trier sang, umgehend nach Israel zu bringen. "Ich gehörte zu der ersten Gruppe von Kindern, die in Palästina ankamen, und wir waren geschockt", erinnert sich der 91-jährige Steinberg. Er sitzt in seinem kleinen Haus in Kiryat Ono, östlich von Tel Aviv, umgeben von Büchern und Fotos, auf denen er mit seiner Bratsche und Dirigenten, die er verehrte, zu sehen ist. "Wir kamen ja aus dem Deutschland des Stürmers, wo Juden nur als Karikaturen vorkamen, und dann landeten wir hier, und die ersten jüdischen Kinder, die wir sahen, waren blond und blauäugig."