"Narrante" schrieb Sergej Prokofjew über das erste Thema seines zweiten Klavierkonzerts, "erzählend". Der Gedanke ist von solch epischer Weiträumigkeit und melodischer Schönheit, die Orchesterbegleitung derart süffig, dass dieser Beginn fast von Rachmaninow stammen könnte. Schon richtig, im dritten Satz geht es anders zu, ungestüm motorisch, verkantet, sardonisch. Wie mit den Riesenschritten eines Zyklopen stampft Prokofjews Musik einher, unheilvoll und archaisch.

Darauf wohl bezogen sich die vernichtenden Urteile einiger Zeitgenossen, etwa des berühmten Liszt-Schülers Alexander Siloti: "Von der Musik Debussys geht ein Aroma aus, von dieser aber ein Gestank." Und doch: Dass die Uraufführung im Jahr 1913 zu einem veritablen Skandal führte, lässt sich angesichts der grandiosen Neuaufnahme von Evgeny Kissin nur schwer nachvollziehen. Selten war so deutlich die janusköpfige Stellung dieses zweiten Prokofjew-Konzerts zu erleben: hier der unverhohlene Rückgriff auf die melodieselige Tradition der russischen Romantik, dort eine barbarische Wildheit, die seinerzeit auf das Publikum offenbar wirkte wie die Handgranate eines russischen Anarchisten.

Kissin glättet nichts davon, unterschlägt den Prokofjew der nur wenig später entstandenen wüsten Skythischen Suite keineswegs. Nur bleibt er auch in einem solchen Werk ein romantischer Künstler. Und er kann es sich leisten, nicht nur, weil es Prokofjew ausgezeichnet bekommt. Selbst die höllisch anspruchsvolle, über siebzig Takte sich dehnende Kadenz des ersten Satzes, durch die mancher brillante Techniker sich mehr hindurchkämpft, als dass er sie zum Klingen brächte, spielt Kissin – in einem Live-Mitschnitt! – mit so unverschämter Selbstverständlichkeit, gestalterischer Überlegenheit und klanglicher Raffinesse, dass sie nicht mehr athletische Fingerübung ist, sondern wirklich jene organische Steigerung, die das Geschehen des Kopfsatzes nachvollzieht und zugleich wie in einer Durchführung weiterdenkt. Auch für Kissin bleibt die stählern aggressive Modernität eine Facette des Konzertes. Doch bei aller überschießenden Virtuosität reduziert er Prokofjew eben nicht auf Mechanik und Energie. Vielmehr legt er die ungestüme, aber tiefe Emotionalität seiner Musik frei und dringt damit zu ihrem Kern vor.

Das könnte das Resultat jenes unmittelbaren, gefühlsbetonten Zugangs zu den Werken sein, die Kissin sich vornimmt. Letztlich spricht er auch aus seiner im vergangenen Jahr erschienenen Einspielung der Beethoven-Konzerte. "Analysieren? Was meinen Sie?", fragte er unlängst in einem Interview. Die Musik sage ihm schon selbst, was zu tun sei. Das klingt fast ein wenig weltfremd, aber vielleicht spielt Kissin ja auch nur mit Erwartungen und dem Bild des weltfernen romantischen Künstlers. Sein Beethoven-Spiel ist jedenfalls alles andere als vernebelt, sondern bei aller Wärme des Tons von gläserner Klarheit – klanglich wie strukturell. Dass man im Adagio des Es-Dur-Konzerts gerade deshalb das Gefühl hat, noch nie so schön von einer besseren Welt geträumt zu haben, darin liegt nur ein Geheimnis dieses großen Pianisten.

Bei Prokofjew kommt seinem Ansatz auch der Klang des fantastischen Philharmonia Orchestra zugute. Der schärft die Strukturen und bleibt doch immer rund, ja bei aller immer wieder zugespitzten Aggressivität fast romantisch. Vladimir Ashkenazy am Pult kennt die Materie genau, legte er doch vor Jahrzehnten selbst eine exzellente Einspielung der fünf Prokofjew-Konzerte vor. Wohl auch deshalb gelingt den beiden das völlig anders gelagerte, spielerische, der Symphonie classique nahestehende dritte Klavierkonzert nicht minder gut, irrwitzig virtuos in den Ecksätzen, wunderbar gelöst und charmant im Mittelsatz. Herr Kissin, wir warten auf die restlichen Prokofjew-Konzerte!