Einem Beobachter könnte es glatt entgehen, dass die Welt von Andreas Hahner kopfsteht. Jeden Morgen um 6.44 Uhr nimmt der 40-jährige Finanzexperte, der bei der Allianz als Portfoliomanager arbeitet, den Zug von Fulda nach Frankfurt. Um 7.50 Uhr erreicht er sein Büro, seinen aufgeräumten Schreibtisch, sein Telefon und die zwei Monitore voller Finanznachrichten und Währungskursen. Alles Routine, äußerlich betrachtet. Doch die Gesetze, nach denen Hahners Welt funktioniert, haben sich in den vergangenen Jahren radikal geändert.

Die Allianz: eine Großmacht am Kapitalmarkt. Sie verwaltet fast eine Billion Euro.

Andreas Hahner: hat Mathematik und Physik studiert und dann, wie er sagt, sein Hobby – die Finanzmärkte – zum Beruf gemacht. Heute legt er im Namen der Allianz Global Investors gewaltige Geldsummen am Devisenmarkt an.

Der Devisenmarkt: Händler, Investoren, Analysten, Tausende davon. Sie sitzen vor Computerbildschirmen in Frankfurt, New York, London und Tokyo, tauschen Dollar in Euro, Pfund in Schweizer Franken, Peso in Rubel und wieder zurück. Immer auf der Suche nach Rendite.

Auf einem der Bildschirme von Andreas Hahner läuft ein Chat-Service. Damit steht der Allianz-Mann in ständiger Verbindung zu Kollegen in aller Welt. Wenn irgendwo große Mengen Valuta gekauft werden, wenn irgendjemand etwas Bedeutsames über Kursverhältnisse sagt, dann weiß es bald jeder Teilnehmer dieses digitalen Flurfunks. Vor ein paar Jahren waren die Gesprächsinhalte noch ziemlich überschaubar. Man unterhielt sich über die neue Rede eines Gouverneurs der Federal Reserve Bank (Fed) in Washington oder über Verlautbarungen der Europäischen Zentralbank. Jetzt ist das anders.

Hahner erzählt, dass gegenwärtig schon die beiläufige Bemerkung eines chinesischen Notenbankchefs seinen Chatraum beleben kann, dass schon die ruppige Beschwerde eines russischen Finanzministers über die Amerikaner die Devisenmärkte in Bewegung bringen kann. "Früher hätte man darüber geschmunzelt", sagt er, "heute nimmt man das sehr ernst."

Hahner erklärt auch, warum. Er zaubert eine Kurve auf seinen Bildschirm. Sie zeigt die chinesischen Währungsreserven, Überschüsse, die China aus dem Verkauf von Industrieprodukten in alle Welt erwirtschaftet hat. Die Kurve steigt steil an – von etwa 250 Milliarden Dollar im Jahr 1999 auf über 2000 Milliarden Dollar heute. Je nach Schätzung sind davon 50 bis 70 Prozent in Dollar angelegt. Aber so gehe es nicht weiter, findet Hahner, finden seine Kollegen im Devisen-Chat, finden Ökonomen in reichen wie in armen Ländern, finden Politiker und Zentralbanker. Das kann nicht gut gehen, immer größere Reserven anzuhäufen! Dazu noch in der Währung jenes Landes, das die Weltwirtschaftskrise ausgelöst hat und neue Rekordschulden aufnehmen will!