Die Farbe des nächsten Sommers? "Zum Beispiel tropisches Grün", urteilt Bruno Sälzer, Vorstandschef des Luxusmodeherstellers Escada. Zum Beweis trägt die Büste vor ihm ein Abendkleid aus leuchtender grüner Seide. Sälzer streicht mit den Fingern über die weichen Falten. "Das müssen Sie in der Verarbeitung erst einmal so hinbekommen", sagt der modeverrückte Betriebswirt. Die Robe in der Farbe der Hoffnung steht für die Zukunft der in den achtziger Jahren weltweit umsatzstärksten Damenluxusmarke.

Sälzer versucht, seinen Kunden Mut zu machen, die Sommerkollektion 2010 zu ordern – obwohl Escada möglicherweise schon bald insolvent ist. "Was wird aus Escada? Das ist der erste Satz jedes Kunden." Ausgeliefert wird in jedem Fall, verspricht der frühere Chef von Hugo Boss.

"Ich kann ja nicht nur herumjammern", sagt Sälzer, "eher frage ich mich, wie wir aus dem Schlamassel herauskommen. Jeden Tag haben wir Gespräche mit Banken und Rechtsanwälten geführt – und jetzt stehen wir endlich vor der einzigen möglichen Lösung."

Der Umsatz ging bis April schon um 16 Prozent zurück

Die Lösung lautet Verzicht – und den sollen nun die Besitzer einer Anleihe üben, die dem Unternehmen insgesamt 200 Millionen Euro geliehen haben, als es vor ein paar Jahren noch besser stand um Escada. Rund 100 Millionen Euro Schulden hofft das Unternehmen nach eigenen Angaben durch einen Umtausch der alten Anleihe in eine neue sparen zu können. Die Summe flösse dann ins Eigenkapital des Unternehmens, das bis Juli auf zehn Millionen Euro geschrumpft war. Mindestens 80 Prozent der Gläubiger sollen bis zum 11. August zustimmen, auf knapp zwei Drittel ihres Geldes, das sie Escada geliehen haben, zu verzichten. Noch ist das Ziel längst nicht erreicht: Die Frist hat Escada erst vor wenigen Tagen verlängert.

Weniger als die Hälfte der Gläubiger hatte sich bislang zum Umtausch gemeldet. Eine Gruppe der größten Escada-Aktionäre, unter ihnen Tchibo-Eigner Wolfgang Herz, der russische Investor Rustam Aksenenko und die spanische Gesellschaft Bestinver Gestion, will auch die anderen endlich zum Einlenken bewegen. Sie haben angekündigt, eigene Escada-Aktien an die Tauschwilligen zu verschenken. Verzichten die Gläubiger aber  nicht, gibt es für Escada weder einen neuen Kredit über 30 Millionen Euro von der Münchner Hausbank, der HypoVereinsbank, noch schießen die Aktionäre neues Kapital zu. Allen voran Wolfgang und Michael Herz, die bis zu 20 Millionen Euro in Escada investieren wollen – wenn auch die Gläubiger mitziehen. Im Laufe des Augusts sei kein Geld mehr in der Kasse, das wird Sälzer seit Wochen nicht müde zu betonen. Wenn es bis dahin keine Lösung gebe, "müssen wir Insolvenz anmelden", sagt er.

In den vergangenen Monaten hatte sich der Konzern bereits von der Primera-Gruppe, zu der die Damenmodemarken Laurèl und Apriori gehören, getrennt. So sollte die Sanierung in Gang kommen. Doch der Erlös lag unter den Erwartungen. Ebenfalls verkauft: die Modemarke Biba. Bei der Kernmarke liefen die Geschäfte zuletzt auch eher schlecht. "Escada war seit Jahren nicht auf dem richtigen Kurs", meint Bruno Sälzer dazu trocken. Zu viele wechselnde Chefs, zu ineffiziente Produktions- und Vertriebsmethoden, zu viele Designfehler in den Augen der Kundinnen. Für das erste Halbjahr, das im April endete, verbuchten die Marken Escada und Escada Sport einen Umsatzrückgang gegenüber dem Vorjahr um 16 Prozent auf 146,5 Millionen Euro. Tendenz weiter fallend. Die Marken machten 17,8 Millionen Euro Verlust.

Streit gibt es zudem über ein Gutachten der Wirtschaftsprüfer Ernst&Young, das den bedrohlichen Status des Modekonzerns schwarz auf weiß darstellen soll. Gläubiger und Aktionäre haben es bis dato aber nicht zu sehen bekommen. Das Gutachten enthalte vertrauliche Planungen und könne aus Rechts- und Wettbewerbsgründen nicht veröffentlicht werden, entgegnet Escada. Die Schutzvereinigung der Kapitalanleger (SdK) in München hat das allerdings kritisiert und wollte dem Umtausch der Anleihe nicht zustimmen – Escada hat daraufhin neue Zugeständnisse gemacht. "Der Verzicht, den Escada gefordert hat, ist viel zu hoch", sagt Markus Neumann, Vorstand der SdK, "wir wollten ein besseres Angebot oder klare Informationen, wie es wirklich um Escada steht." Es bleibt der Eindruck einer undurchsichtigen Gemengelage: Weder die Herz-Brüder noch die HypoVereinsbank wollen sich öffentlich zum Rettungsplan für das Luxusunternehmen äußern. Wolfgang Herz begutachtete immerhin vor ein paar Wochen die neue Sommerkollektion für 2010 in der Firmenzentrale in München-Aschheim.