Der Fall "Emmely" wird wieder aufgerollt. In der Sache geht es um zwei Pfandbons im Wert von 48 und 82 Cent, die die Berliner Supermarktkassiererin Barbara E. unterschlagen haben soll. Kurz darauf fand sie die fristlose Kündigung im Briefkasten – nach 31 Berufsjahren bei Kaiser’s. Barbara E. zog vors Arbeitsgericht und verlor. Auch in zweiter Instanz erklärte das Landesarbeitsgericht Berlin die Kündigung für rechtens und lehnte eine Revision ab. Genau die ließ das Bundesarbeitsgericht in Erfurt am Dienstag nun zu: Das Berliner Urteil wird nochmals überprüft – wegen der grundsätzlichen Bedeutung des Falls.

"Emmely" wurde über die Monate zu einer nationalen Causa. Was als 1,30-Euro-Streit begann, hat sich zum Politikum ausgewachsen. Ein Solidaritätskomitee wurde gegründet, Politiker und Gewerkschafter stärkten der 51-Jährigen den Rücken. Es gab "Emmely"-Plakate und Boykottaufrufe gegen Kaiser’s. Barbara E. aus Hohenschönhausen wurde für linke Gruppen zur Fahnenträgerin.

So emotional der Fall diskutiert wird, so einleuchtend war damals die Argumentation der Berliner Richter: Der "irreparable Vertrauensverlust" sei ein berechtigter Kündigungsgrund. Vertrauen ist die wichtigste Währung im Verhältnis zwischen Firma und Angestelltem. Wer sich persönlich bereichert, setzt dieses Vertrauen aufs Spiel – egal, ob es um kleine oder große Summen geht. Gerade bei einer Kassierin, die täglich mit kleinen Beträgen hantiere, müsse man Redlichkeit erwarten dürfen, erklärte das Gericht.

Barbara E. hingegen sieht sich als Opfer einer Intrige: Ihr Arbeitgeber habe sie loswerden wollen, glaubt sie, weil sie damals an Streiks im Einzelhandel beteiligt gewesen sei. Außerdem bestreitet sie, die Bons je entwendet zu haben. Zwar wurde sie nicht auf frischer Tat ertappt. Aber die Faktenlage war für das Berliner Gericht ziemlich eindeutig. Eine Verdachtskündigung wie in "Emmelys" Fall beruht nämlich nicht, wie viele meinen, auf reinen Vermutungen und bösem Willen, sondern auf einem dringenden Verdacht, der sich auf Tatsachen stützt.

Da waren etwa die für das Gericht glaubhaften Zeugenaussagen, die Barbara E. belasteten, ebenso wie der Abrechnungsbeleg der Pfandbons. Zudem verstrickte sich die Kassiererin bei der Vernehmung in Widersprüche und beschuldigte eine Kollegin, ihr die Bons untergeschoben zu haben. Ihr droht jetzt sogar ein Ermittlungsverfahren wegen Falschaussage vor Gericht. Beim Revisionsverfahren wird es deshalb in erster Linie darum gehen, ob das Verhalten des Arbeitnehmers in einem Kündigungsschutzprozess bei der Urteilsfindung berücksichtigt werden darf.

Das Urteil, soweit es sich auf die Tat selbst bezieht, sollten die Revisionsrichter aber nicht anzweifeln.

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