Pikeville, Kentucky

Wenn Lagerarbeiter Glenn Leggett seinen Mund öffnet, fällt einem unweigerlich der uralte Spruch ein: Zeig mir deine Zähne, und ich sage dir, woher du kommst! In Amerika gilt das allemal, der Blick auf das Gebiss verrät den gesellschaftlichen Stand und das Ausmaß an medizinischer Vernachlässigung. Dreimal zuckt Glenn – schon hat ihm eine Medizinstudentin drei schwarzbraune Zahnstummel gezogen. Die sieben verbleibenden sehen nicht besser aus, aber können noch gerettet werden. Die Frage ist nur, für wie lange. Für regelmäßige Kontrollbesuche hat der 51-Jährige kein Geld, er ist nicht krankenversichert. Sein Betrieb, eine kleine Klitsche für chemische Reinigungsmittel, bietet ihm keine Krankenkasse als Teil des Gehaltspaketes an, und die acht Dollar, die er pro Stunde verdient, reichen kaum zum Leben, geschweige denn für eine Prämienzahlung.

Vor ein paar Jahren ging es ihm bedeutend besser. Damals arbeitete er im Süden Amerikas für das Versandunternehmen FedEx und war rundum versorgt: 23 Dollar die Stunde, ein doppelstöckiges Haus, zwei Autos – und eine Krankenversicherung. Doch dann erlitt seine Frau Deborah, eine ehemalige Schulbusfahrerin, zwei Schlaganfälle und brauchte häusliche Hilfe, die laut Kassenvertrag nicht gedeckt war. Den Leggetts blieb nichts anderes übrig, als 650 Kilometer nordwärts zu ziehen, zu ihren erwachsenen Kindern nach Pikeville in Kentucky. Glenn gab seinen gut bezahlten Job auf und verlor damit auch seine Krankenversicherung. In Amerika ist sie an den Arbeitsplatz gekoppelt.

Deborah Leggett sitzt ebenfalls auf einem Zahnarztstuhl, 20 Meter von ihrem Mann entfernt. Mühsam hat sie sich, auf einen Regenschirm gestützt, dorthin geschleppt. Ein Kieferorthopäde richtet ihr gerade das Gebiss der Marke Billig, das wackelt wie ein morscher Zaun. Er hält ihr einen Spiegel vor, sie lacht, aber kann die frisch polierten falschen Zähne bloß verschwommen sehen. Ohne Brille ist sie nahezu blind. In einem anderen Raum hat sie vor einer Stunde ihre zwölf Jahre alte Sehhilfe zurückgelassen, Optiker passen neue Gläser ein. Zwar besitzt Deborah seit einem halben Jahr ein Rezept für eine neue Brille und ist als Schwerbehinderte sogar über die staatliche Kasse Medicare krankenversichert, aber sie müsste sich mit 200 Dollar selbst beteiligen. Das schafft sie nicht, im Haushaltsportemonnaie stecken am Monatsende allenfalls neun Dollar. Doch an diesem Wochenende müssen die Leggetts zum ersten Mal keinen einzigen Cent dazubezahlen, die ärztliche Rundumbetreuung ist umsonst.

Es ist Samstag, der 27. Juni, sechs Uhr früh, die Pike County Central High School in Pikeville öffnet gerade ihre Tore für Hunderte von Patienten, die seit Stunden Schlange stehen. Freiwillige Helfer haben die Schule in ein Lazarett verwandelt, 48 Stunden lang bieten ein paar Hundert Ärzte, Zahntechniker, Optiker, Röntgenfachleute und Krankenschwestern unentgeltlich ihre Dienste an.

Chris Roberts fährt 300 Kilometer für vier neue Plomben

Die Leggetts haben im Radio davon gehört und in ihrer Kirche einen Aushang gelesen. Gleich am Freitagabend fahren sie vor, als die ersten Wartenummern verteilt werden. Sie wollen nicht zu spät sein, so wie im vergangenen Jahr, als man sie wegen Überfüllung abwies. Um vier Uhr nachts kommen sie wieder und reihen sich ein. Deborah zeigt zwei grüne Zettel mit den Ziffern 53 und 54. "Todsichere Zahlen", lacht Glenn und hält sich vor Schmerzen die Backe. In Decken gehüllt, trotzen sie dem kühlen Nebel. Die Leggetts sind zwei von rund 800 Menschen, die an diesem Wochenende in das kleine Appalachen-Städtchen Pikeville strömen. Und sie sind zwei von etwa 80 Millionen Amerikanern, die überhaupt nicht oder zu gering versichert sind. Nach allgemeinen Schätzungen besitzt fast jeder Siebte – 46 Millionen – keine Krankenversicherung. Weitere 30 Millionen suchen keinen Zahn- oder Augenarzt auf, weil ihre Kassen dafür nicht aufkommen oder eine zu hohe Prämie oder Selbstbeteiligung verlangen. Der stämmige Maschinenschlosser Chris Roberts aus West Virginia ist fast 300 Kilometer weit gefahren, um sich hier kostenlos vier Plomben setzen zu lassen. Alles tut ihm weh, der Kopf, die Schultern, die Arme. 900 Dollar verlangte der Zahnarzt daheim, und die Versicherung schreibt vor, dass Chris die ersten 2000 Dollar Arztkosten selbst tragen muss. Wie soll er das bei einer fünfköpfigen Familie und einem Stundenlohn von 14 Dollar?

Hier in Pikeville kann man verstehen, warum viele Amerikaner ihr Gesundheitssystem eine "nationale Katastrophe" nennen. Einige Präsidenten wollten Abhilfe schaffen und scheiterten an den horrenden Kosten, an der Bürokratie, an eigenen Fehlern – und am erbitterten Widerstand der Gesundheitsindustrie und der Konservativen aus beiden Parteien, für die eine allgemeine nationale Krankenversicherung ein "sozialistisches Übel" ist.