DIE ZEIT: Herr Troge, der Streit um die Atomenergie läuft wieder heiß – wie vor 14 Jahren, als Sie Präsident des Umweltbundesamtes wurden. Damals waren Sie kein Gegner der Nukleartechnik, heute sind Sie es. Woher der Meinungswandel?

Andreas Troge: Welcher Meinungswandel? Ich war schon damals ein Nuklearskeptiker, und das, abgesehen von Sicherheitsbedenken, vor allem, weil ausgerechnet bei der Kernenergie versäumt wurde, vom Ende her zu denken. Wir kümmern uns zu Recht um den Verbleib jeder Getränkeverpackung – wie wir mit den Resten der Kernenergienutzung umzugehen gedenken, wissen wir bis heute nicht. Deshalb hat das Umweltbundesamt schon 1997 erklärt, dass die Nutzung der Kernkraft mit nachhaltiger Entwicklung nichts zu tun hat.

ZEIT: Sollte deshalb der Atomausstieg beschleunigt werden?

Troge: Ich warne jedenfalls davor, gegen den Geist des Atomausstieges zu verstoßen und ausgerechnet die Laufzeit der älteren Reaktoren zu verlängern, so wie es manche Betreiber gerne hätten. In der Öffentlichkeit kursiert zwar die Ansicht, entweder seien die Kraftwerke unsicher, dann gehörten sie abgeschaltet – oder sie seien sicher, dann gebe es keinen Grund zum Abschalten. Allerdings wissen sämtliche Fachleute, dass es nur mehr oder weniger Sicherheit gibt. Deshalb bin ich dafür, die Kernkraftwerke mit den häufigsten Störungen so bald wie möglich stillzulegen. Und das sind die älteren!

ZEIT: Ein frommer Wunsch. Die Kanzlerin will, dass die Kraftwerke länger laufen.

Troge: Vor der Bundestagswahl sehe auch ich keine Chance dafür. Ich fürchte überdies, dass diejenigen, die unsere Kernkraftwerke nun sechs oder acht Jahre länger laufen lassen wollen, eine Art innere Unruhe in Deutschland erzeugen – die wir mit dem Atomausstieg meinten überwunden zu haben. Die Forderung schadet dem inneren Frieden.

ZEIT: Das werden Ihre Parteifreunde von der Union nicht gerne hören.

Troge: Aber nur die, an denen die Programmdebatte der CDU vorbeigegangen ist. Das CDU-Umweltprogramm von 1989 sagt: Die Kernenergie ist eine Übergangsenergie, bis Ersatz gefunden ist. Wenn ich heute von meiner Partei höre, die Kernenergie sei immer noch eine Übergangsenergie, dann frage ich mich, was wir in 20 Jahren gemacht haben; wir haben dafür gesorgt, dass die erneuerbaren Energien schnell wachsen! Und wenn ich weiter höre, dass Mitglieder meiner Partei die Kernenergie als "Ökoenergie" bezeichnen, dann verschlägt es mir geradezu die Sprache. Man kann doch einer Energieform nicht nur deswegen das Ökoetikett verpassen, weil bei ihrer Nutzung vergleichsweise wenig Treibhausgase entstehen. Das ist vorsätzlich eindimensional.

ZEIT: Wenn Atomstrom keine Ökoenergie ist, dann ist es Kohlestrom erst recht nicht. Wo also soll in Zukunft der Strom herkommen?

Troge: Die Stromversorgung muss nicht von heute auf morgen umgekrempelt werden. Wir müssen und können noch einige Zeit mit den Kohlekraftwerken leben, die schon am Netz sind. Hinzu kommen einige, die gerade gebaut werden und ein halbes Jahrhundert Strom erzeugen werden. Eine gewisse Grundversorgung ist also gesichert. Gleichzeitig kommt immer mehr Strom aus erneuerbaren Energien, und das wird weitergehen. Das Problem liegt woanders: Bisher ist es im Grund gar nicht gelungen, die Energienachfrage zu senken. Auch die Meseberger Beschlüsse von Schwarz-Rot haben in dieser Hinsicht Erwartungen geweckt, denen keine entsprechenden Taten folgten. Als es konkret wurde, hat man viele Vorhaben verwässert, wie klare Energieverbrauchskennzeichnungen oder harte Grenzen für den CO2-Ausstoß von Pkw.