Es gibt ein Standardrepertoire an Vorwürfen, von denen sich junge Autoren heute freischreiben müssen. Sie kreisten fortwährend um sich selbst, heißt es, in einer ermüdenden Auseinandersetzung mit den Befindlichkeiten ihrer Generation, die sowieso nicht viel erlebt habe. Ein bisschen Liebeskummer, ein bisschen postpubertäre Depression, ein bisschen Abnabelung von Mama und Papa – nichts davon so schlimm, dass es weh tun könnte. Auf Spinner treffen all diese Vorwürfe zu, und deswegen könnte man den Roman hier eigentlich einfach ignorieren. Wäre nicht sein Autor einer, von dem man mehr erwartet hatte: nämlich Benedict Wells.

Benedict Wells, 25, gab vor einem knappen Jahr ein großartiges Debüt mit Becks letzter Sommer, und dieses Debüt war so großartig, weil es eben anders war. Die Hauptperson war ein Lehrer in den Vierzigern, dessen Träume von einer Musikerkarriere gescheitert waren und der sich nun in seinem Zögling, einem begabten Gitarristen, wiederfand, schwankend zwischen Bewunderung und Eifersucht. Wie Wells diesen zerrissenen Charakter zeichnete, zeugte von großer Reife, genau so wie sein ruhiger Ton und die weit schweifenden Erzählbögen.

Nun hat Benedict Wells nachgelegt. Spinner hat er parallel zu Becks letzter Sommer geschrieben. Er erzählt darin vom Erwachsenwerden eines zwanzigjährigen Schriftstellers in Berlin , was einen schnell an die persönlichen Erfahrungen des Autors erinnert: Wie sein Protagonist zog Wells selbst nach dem Abitur in ein Berliner Wohnloch mit Dusche in der Küche und hielt sich mit Redaktionsjobs über Wasser, um sich dem Schreiben widmen zu können.

Jesper Lier heißt der Spinner, und eigentlich ist er ziemlich normal. Er sieht mittelmäßig aus und wird nervös, wenn er eine Frau kennenlernt. Auch sein kleines Alkoholproblem macht ihn nicht interessanter; die Seiten, die er bereits geschrieben hat, lassen erahnen, dass es mit seinem Talent nicht weit her sein kann.

Was Lier erlebt, sind Alltäglichkeiten. Er verliebt sich in ein Mädchen namens Miri, hilft einem schwulen Freund beim Coming-out, und die Nachbarskatze, auf die er aufpassen soll, läuft ihm davon. Als endlich ein Abend »ganz anders« endet, »als ich es erwartet hatte«, landet Lier auf einer Studentenparty mit den üblichen Stefans und Sabines und ein paar Drogen. Entjungfert wird er in genau einem Satz – »Wir schliefen miteinander« –, danach »kuschelt« sich Miri an ihn und seufzt »ganz kindlich und süß«.