Nachts um halb drei bricht die Hölle los. Eine wilde Verfolgungsjagd tobt auf dem Dach, Ziegel klappern, in der Dachrinne kratzen Krallen. Nach kurzer Pause über mir heftiges Scharren in der hölzernen Zwischendecke. Mal ertönt Knurren, schließlich gellendes Geschrei. Markerschütternd, als ginge es um Leben und Tod, mitten im Schlafzimmer. Ich springe aus dem Bett, trommele mit den Fäusten gegen die holzverkleidete Dachschräge. Schwindendes Getrappel kündet von der Flucht. Doch schon in der nächsten Nacht geht die wilde Jagd erneut los.

Als Nächstes stutze ich die Begrünung der Hauswände. Wilder Wein, Efeu und Schlingknöterich sind Aufstiegshilfen für die Poltergeister:Steinmarder. Diese Raubtiere klettern ähnlich flink wie Eichhörnchen. Sie sind jedoch größer, fast so lang wie Katzen. Wer begrünte Mauern liebt, darf sich nicht wundern, wenn ihm Martes foina aufs Dach steigt. Besonders jetzt, im Juli und August, sind Marder laut – es ist Paarungszeit.

Die Stutzaktion legt die holzverschalte Unterseite eines zugewucherten Dachvorsprungs frei. Darin gähnt ein tennisballgroßes Loch – der Mardereinstieg! Er wird mit einem Gitter zugenagelt. Doch nach drei Tagen geht das Theater wieder los. Fetzen der Dachisolation führen zu einem zweiten Einstiegsloch. Es wird zugekeilt. Ein ungeahnter Fehler! Der Verschluss verstößt gegen das Jagdrecht (siehe Kasten), zudem wirkt er kontraproduktiv. Denn in der Nacht herrscht Dauerrandale unterm Dach. Mein Fäustetrommeln verlagert das Trappeln nur von einer zur anderen Dachseite. Der Untermieter ist eingeschlossen und sucht erregt nach einem Fluchtweg. Irgendwo im Dunkeln zerspanen Zähne Holz. Am Morgen klafft in der Stirnverkleidung des Dachs über der Traufe ein neues Loch. Ich klettere auf eine Leiter und bestaune die jüngste Gebäudeöffnung. Es stinkt.

Wie Marder Dächer ruinieren und darunter liegende Räume auch mit Gestank belasten können, das zeigte mir ein Freund. Er ließ sein Haus neu decken, dabei wurde ein Mardernest offen gelegt. Die wärmeisolierende Mineralwolle war weitgehend zerfetzt, überall lagen Knochen, Kot, Eierschalen, Fruchtkerne, Brot- und Essensreste herum. Der Gestank aus unserer frisch gefrästen Dachöffnung lässt Böses ahnen. Ohnehin hat »unser« Marder schon viel auf dem Kerbholz: Hühner und Küken der Nachbarin tot gebissen. Vier Reparaturen verursacht, vor allem an den Kleinwagen beider Söhne.

Solche Autos, mit kleinen Motoren und relativ viel Platz unter der Haube, nach unten weit offen und nie in Garagen geparkt, befallen Marder besonders gern. Unter den Kleinwagen verzeichnet die jüngste ADAC-Statistik den Ford Ka als Pannenkönig. Erster Mängelschwerpunkt: Marderverbiss. Diese Ursache taucht bei den sechs pannenanfälligsten Kleinwagentypen gleich viermal auf.

Insgesamt registrierte der ADAC 2008 rund 14000 Pannen wegen Mardern. »Das ist nur die Spitze des Eisbergs«, sagt Dieter-Helmut Schmaler, der Marderexperte des Autoclubs. Tatsächlich registriert der Gesamtverband der deutschen Versicherungswirtschaft an kaskoversicherten Fahrzeugen jährlich 180000 Marderschäden, Schadenssumme insgesamt 40 Millionen Euro. Auch das ist nur ein Teil der Wahrheit. Viele Marderschäden werden gar nicht gemeldet, weil die Fahrzeuge nicht kaskoversichert sind oder weil Selbstbehalte den Schadensersatz ausschließen. Zahlen für Gebäudeschäden gibt es nicht, hier ist Marderverbiss nicht versicherbar. Neben Wärmedämmungen zerstören die Tiere Elektroanlagen, zunehmend auch Kabel und Schläuche von Solaranlagen auf Dächern. Auch über von Mardern verursachte Kurzschlüsse an Kraftwerken oder Bahnanlagen, die gelegentlich ganze Stadtteile und Bahnlinien stilllegen, gibt es keine Statistik.

An all diesen Kalamitäten trägt der Mensch eine Mitschuld. Erstens beugt er Marderschäden zu wenig vor. So monieren die Versicherer, teure Reparaturen etwa an Photovoltaik- und Solaranlagen ließen sich vermeiden durch geringe Investitionen in bissfeste Kabel und Schläuche. Experten wie Sven Herzog, Professor für Wildökologie und Jagdwirtschaft an der Technischen Universität Dresden, fordern die Autoindustrie auf, Marderschäden verstärkt konstruktiv zu verhüten, etwa durch serienmäßige Kapselung des Motorraums. »Das kostet wenig«, sagt er. Die bessere Aerodynamik könnte sogar den Spritverbrauch senken.