"Der unmittelbare Kontakt zum Original ist durch nichts zu ersetzen."
"Eine Ausstellung ist kein Buch."
"Zeige nur das Beste."
"Du sollst deine Besucher nicht ermüden."

Gegen diese vier Gebote für Kuratoren wird in der Amsterdamer Ausstellung The complete Rembrandt, life size unbekümmert verstoßen. Auf über hundert Tafeln werden großformatige Kopien von 191 Gemälden, 269 Radierungen und 110 "relevanten" Zeichnungen (nach meiner Zählung) gezeigt. Falls die Gebote für Kuratoren als Rat gedacht sind, wie man die Leute am besten in die Museen lockt, stimmt hier irgendetwas nicht. Die Besucher strömen massenhaft in die Beurs van Berlage, um sich den kompletten Rembrandt anzusehen.

Neben der Kasse werden die Besucher auf Niederländisch und Englisch darauf hingewiesen, dass sie Reproduktionen zu erwarten haben.

Die englische Übersetzung ist nicht ganz korrekt, doch das nur am Rande.

Es gibt gewichtigere Einwände. Diese wurden bereits 2006 vorgebracht, als am selben Ort ein Vorgänger von The complete Rembrandt gezeigt wurde. Am kritischsten äußerte sich Axel Rüger, der Direktor des Van Gogh Museums, in The Art Newspaper vom September 2006. Seine Anmerkungen werden im Begleitbuch zur aktuellen Schau zitiert, zusammen mit der Antwort von Ernst van de Wetering, dem Leiter des Rembrandt Research Project und "Vater" der Ausstellung.

Rüger hatte sich seinerzeit gegen die Behauptung gewendet, dass die reproduzierten Bilder nicht von den Gemälden zu unterscheiden seien. "Das ist offensichtlich nicht der Fall, da die Reproduktionen nichts von der wunderbaren Dreidimensionalität der Rembrandtschen Gemälde vermitteln und auch nicht die unterschiedlichen Maltechniken, mit denen Stoffe und Texturen dargestellt werden." Angesichts der Qualität der Reproduktionen müsse man zwangsläufig ein ungenaues Bild von Rembrandts Werken gewinnen. Rüger verwarf auch van de Weterings These, die heutigen Museumsbesucher seien "voreingenommen" durch einen gewissen "Kulturfetischismus" und eine "übersteigerte Suche nach Aura und Authentizität… Welche Ironie, dass Professor van de Wetering, der sein ganzes Leben der Rembrandt-Forschung gewidmet und immer wieder gefordert hat, man müsse die originalen Objekte studieren, nunmehr erklärt, dass eine Ausstellung von Reproduktionen ein viel geeigneterer Weg sei, das Œuvre eines Künstlers zu betrachten".

Ist die Sehnsucht nach dem Original ein bloßer Anachronismus?

Auf diese Einwände (abgesehen von dem letztgenannten) antwortet van de Wetering mit einem bunten Mix von Gegenargumenten. Apologetisch: Wir alle, selbst Kunsthistoriker, sähen weit mehr Reproduktionen als Originale; "dass so viele Leute mit postergroßen Reproduktionen aus dem Van Gogh Museum kommen, beweist nur, dass sie bereit sind, statt eines Originals eine flache Reproduktion mit nach Hause zu nehmen"; die Qualitätsunterschiede der Reproduktionen seien nicht größer als die unterschiedlichen Erhaltungszustände der Originale. Sozialromantisch: Ausstellungen von Reproduktionen könnten "zu einer signifikanten Demokratisierung der Kunst beitragen". Pragmatisch: "…besonders für diejenigen, die nicht in der Lage sind, Privatsammlungen und Museen in fernen Ländern zu besuchen, und für Länder, die sich die Kosten für Ausstellungen von Originalen immer weniger leisten können". Historisch-positivistisch: Rembrandt verwendete ebenfalls Reproduktionen, in Form von Drucken, oft von "drittklassiger Qualität", die er in dieser Weise vervielfältigen ließ.