Zwölf, es müssen zwölf sein, zwölf, so sagt Franz Müntefering, "ist die absolute Zahl".

Zwölf Porträts hängen seit wenigen Tagen im Büro des SPD-Vorsitzenden. Wenn man reinkommt, gleich rechts an der Wand, je vier in drei Reihen. Zwölf Männer und Frauen, die Deutschlands Sozialdemokratie geprägt haben. Von Kurt Schumacher bis Regine Hildebrandt, von Annemarie Renger bis Johannes Rau. Die Nachkriegsgeschichte der SPD in Weiß, Grau, Hellblau und Glutrot. Eine Einheit aus Individuen, zwölf Sozialdemokraten – ein Bild.

Schräg gegenüber, hinter Münteferings Schreibtisch, hängt ein weiteres Bild. Es nimmt die Farben der Ahnengalerie wieder auf. Eine graue Frauenfigur läuft auf einer weißen, kerzengeraden Straße, die über eine hellblaue Ebene führt, einem glutroten Horizont entgegen. Sie ist allein.

Eine Szene wie aus einem Endzeitfilm.

Der Weg, so heißt der Titel des Bildes. Gemalt hat es die Berliner Künstlerin Susanne Ludwig. Beim Präsentationsempfang sieht Müntefering das Wesen der deutschen Sozialdemokratie getroffen: "Es gibt kein Ziel. Es wird immer nur der Weg sein, auf immer und ewig." Jeder wisse, so schließt er seine kleine Rede, wie wohl er sich fühle. Hier im Bug des Willy-Brandt-Hauses, hier auf der Kommandobrücke der SPD. "Und jetzt fühle ich mich noch ein bisschen wohler."

Die Bilder werden bleiben, auch wenn Müntefering geht.

Acht Wochen sind es noch bis zur Bundestagswahl. Acht Wochen, in denen Deutschlands Sozialdemokraten für etwas kämpfen, das die meisten von ihnen bereits verloren glauben. Acht Wochen, in denen sie sich nach außen zu Optimismus und Siegeszuversicht zwingen werden, während durch ihre Köpfe bereits Niederlagen-Szenarien geistern. In diesen acht Wochen werden die Sozialdemokraten, ein Feldversuch in kollektiver Schizophrenie, in zwei Welten gleichzeitig leben müssen. In der einen gibt es nur das Jetzt, in der anderen nur das Morgen. Die eine heißt Wahlkampf und die andere Wildnis. In der ersten ist alles auf den 27. September ausgerichtet, auf die Bundestagswahl. In ihr ist Politik noch Organisation. In der zweiten konzentriert sich alles auf den Tag danach, auf The Day After. In ihr herrscht Chaos.

Die Vorbereitung auf die Niederlage bremst längst den Kampf um den Sieg

Im Wahlkampf schaltet die Sozialdemokratie jetzt auf Dauersendung. Plakate werden geklebt, Reden gehalten, Internet-Offensiven gestartet, Sommertouren absolviert, Broschüren verteilt, Hände geschüttelt. Von kostenloser Bildung werden sie viel reden in dieser Welt, vom flächendeckenden Mindestlohn, vom Nein zur Atomenergie, von frischen Impulsen und entschlossenem Handeln. Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier ist in dieser Welt durchsetzungsstark, Kanzlerin Angela Merkel führungsschwach, Schwarz-Gelb das neoliberale Grauen und die SPD die Rettung. In dieser Welt präsentiert der Kandidat ein Kompetenzteam. In dieser Welt kämpfen jetzt alle für die Wende, für die Sensation in letzter Minute. Bis zum 27. September, 18 Uhr. Dann steht das Ergebnis fest.

In der Wildnis hat die SPD schon verloren.

In der Wildnis liegt die Sozialdemokratie in Trümmern, am Tag danach. Wie geht es jetzt weiter auf dem weißen Weg zum glutroten Horizont? Wie geht es weiter mit Steinmeier und Müntefering, wie weiter mit der SPD? Am Tag danach müssen Fragen beantwortet werden. Es ist der Moment, in dem die Wildnis zu einer Welt der Taten wird.

Wer sich vorher die Wildnis nicht ausgemalt hat, wird nicht wissen, was er dann tun muss.

Wenn man sich umhört unter Sozialdemokraten, wenn man mit ihnen spricht, spürt man, wie viel Raum die Wildnis bereits einnimmt, wie viel Energie sie abzieht aus der anderen Welt, dem Wahlkampf. Die Wildnis breitet sich aus und setzt sich fest. Weil die Kanzlerin in den Umfragen ihren Beliebtheitsvorsprung vor dem Kandidaten weiter ausbaut. Weil sich der ausgemachte Lieblingsfeind, Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg, nicht, wie erhofft, als Wiedergänger des "Herrn Professor aus Heidelberg" entpuppt, des Wahlkampfschlagers von 2005, sondern als dessen popkultureller Gegenentwurf. Weil, just zu dem Zeitpunkt, da die Sozialdemokraten alle mediale Aufmerksamkeit auf Steinmeiers Kompetenztruppe lenken wollen, Gesundheitsministerin Ulla Schmidt sich eine ausgewachsene Dienstwagenaffäre gönnt – und der Wahlkampfleitung damit ein Dilemma beschert. Soll sie gehen oder bleiben? Bleiben ist schlimm, gehen wäre noch schlimmer. Sie bleibt.

Aber was passiert denn nun am Tag danach?