Auf der Bühne der Salzburger Felsenreitschule steht der Schriftsteller Daniel Kehlmann und übt Vergeltung. An diesem zentralen Ort des Theaters fordert er Gerechtigkeit für seinen toten Vater. Dieser, der Regisseur Michael Kehlmann, sei, so suggeriert der Sohn, am Theater zugrunde gegangen. Man habe ihn zu Lebzeiten ignoriert und dann vergessen, weil er das Dogma des sogenannten Regietheaters nicht befolgen wollte, nämlich die Vorherrschaft des Regisseurs über den Text.

Das Theater, so Kehlmann, verausgabe sich in einer verkappt spießigen Übung, der Herstellung von Auflehnungsangeboten für Philister: "Nach wie vor und allezeit schätzt der Philister das Althergebrachte, aber mittlerweile muss sich dieses Althergebrachte auf eine strikt formelhafte Weise als neu geben. Denn wer ein Reihenhaus bewohnen, christlich-konservative Parteien wählen, seine Kinder auf Privatschulen schicken und sich dennoch als aufgeschlossener Bohemien ohne Vorurteil fühlen möchte – was bleibt ihm denn anderes als das Theater?"

An dieser Stelle bekommt Kehlmann Applaus. Aber gerade hier muss der Rezensent ihm widersprechen, denn er kennt das Milieu, von dem Kehlmann spricht, ganz gut, er steht mit mindestens einem Bein drin, und seiner Meinung nach verhält die Sache sich umgekehrt. Das "Regietheater" ist in der Reihenhauskonversation nämlich das, was einst das miese Wetter, das miese Fernsehen und zuletzt die miese deutsche Bahn war: eine Institution, bei der sich alle einig sind, dass sie früher besser war. All diese Leute brauchen bei Gott nicht das Theater, um sich als aufgeschlossene Bohemiens zu fühlen. Meine Beobachtung ist vielmehr, dass der aufgeschlossene Bohemien derjenige ist, der in die Klage über das "deutsche Regietheater" als Erster einstimmt.

Und so wie übers miese Wetter am liebsten jene sprechen, die ihm kaum ausgesetzt sind, so sprechen übers miese Theater am liebsten jene, die "nicht mehr" hingehen. Auch Kehlmann geht offenbar nicht mehr hin. Oder ist es bloß ein rhetorischer Trick, dass er in seiner Rede das Theatermittel des Botenberichts verwendet, um seinen Punkt zu machen? Schlaue Theaterautoren lassen immer dann einen Boten auftreten, wenn es darum geht, unfassbare Zustände im Reich des Feindes zu schildern. In Kehlmanns Fall marschieren gleich mehrere Boten auf, nämlich durchreisende "Russen, Engländer, Polen oder Skandinavier", die gar nicht fassen können, was sie im deutschen Theater erleben: Gebrüll, Schmutz, Video und überall Spaghetti! All das angerichtet von Regisseuren, die sich über die Autoren und Stücke stellen. So ist das deutsche Theater also vom Ausland umzingelt und muss sich wohl ergeben. Nützt gar nichts, dass es jeden Tag unzählige Inszenierungen bietet, die Kehlmanns Erfahrung widersprechen. Kehlmann erntet Jubel in Salzburg.

Und ja, seine Boten haben schon etwas Wahres gesehen: Das deutsche Theater ist in seinen Höhen tatsächlich wie kein anderes. In ihm erstarrt ein Zug unserer Zeit zum Prinzip, nämlich die Neigung, die Vermittler mehr zu ehren als die Erfinder, den Discjockey ernster zu nehmen als den Komponisten. Anders gesagt: Das deutsche Theater hat sich einem Gebot seines Propheten Heiner Müller verschrieben, und dieses Gebot lautet: "Theater ist Totenbeschwörung." Es hat dem Regisseur die Rolle des allmächtigen Totenbeschwörers überlassen, der nicht nur über die Spieler herrscht, sondern auch über Text und "Material": als Über-Autor. Figuren und Autoren leben allein in der Gnade seiner "Handschrift".

Wer nicht mehr ins Theater geht, der versäumt auch das Grandiose

Die Totenbeschwörerallmacht ist der Fluch, aber auch das Wunder des deutschen Theaters: Es gibt auf diesem Totenacker neben fadem Mummenschanz auch die tollsten Geistererscheinungen der Welt zu sehen. Die kennt Kehlmann offenbar nicht. Und wer "nicht mehr" hingeht und den Boten aus Skandinavien das Feld und den Bericht überlässt, der versäumt auch das Grandiose.

In seiner Rede führt Daniel Kehlmann Karl Kraus als Kronzeugen an. Kraus hatte sich schon 1926 gegen einen falschen Begriff von theatralischer "Aktualisierung" gewendet, und das Kraus-Zitat ist fast das Beste an Kehlmanns Rede: "Aktuell ist die Überwindung des Zeitwiderstands, die Wegräumung des Überzugs, den das Geräusch des Lebens dem Gehör und der Sprache angetan hat."