Hier geht es um den von vielen Hobbygärtnern gefürchteten "Brennglaseffekt": Sprengt man den Rasen oder andere Pflanzen unter der sommerlichen Mittagssonne, dann bilden die Wassertröpfchen der Legende nach auf den Blättern kleine Lupen, die das Sonnenlicht bündeln und so für Verbrennungen sorgen können.

Gartenprofis aber winken ab. "Das ist Unsinn", schreibt mir zum Beispiel Bernhard Beßler von der Landwirtschaftskammer Niedersachsen. Und im Internet sind viele Berichte über Versuche zu lesen, die einen solchen Effekt reproduzieren sollten – stets ohne Erfolg.

Ein bisschen Nachdenken über die Physik führt auch schnell zu der Einsicht, warum so etwas nicht funktionieren kann. Zunächst einmal müsste ein solcher Tropfen das Licht auf die Oberfläche des Blattes bündeln – und das tut selbst ein perfekt halbkugelförmiger Tropfen nicht. Und selbst wenn: Verbrennungen bedürfen hoher Temperaturen, das Wasser auf dem erwärmten Blatt aber wird nicht einmal kochend heiß. Im Gegenteil, weil es in der Sonne verdunstet, entsteht sogar ein kühlender Effekt.

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"Verbrennen" kann das Blatt nur, wenn das Wasser Salze enthält, die nach dem Verdunsten zurückbleiben und dann die Zellen angreifen.

Alle Gartenexperten sind sich einig: Eine Pflanze, die im Sommer unter Trockenstress leidet, braucht Wasser, und zwar sofort – unabhängig von der Tageszeit. Ansonsten sind die heißen Mittagsstunden aber tatsächlich nicht die beste Zeit zum Gießen, denn ein großer Teil des Wassers wird verschwendet, weil er schnell verdunstet. Die Pflanzen abends unter Wasser zu setzen ist allerdings auch keine gute Lösung, weil in der Nacht Pilze in der feuchten Erde gut gedeihen. Bleiben die Morgenstunden, und die werden tatsächlich von den meisten Gärtnern als optimale Gießzeit empfohlen.

P.S.:

Nach erscheinen der Kolumne in der ZEIT wurde eine wissenschaftliche Untersuchung zum Thema veröffentlicht. Demnach kann es unter bestimmten Umständen tatsächlich zu Verbrennungen an den Blättern kommen. Zitat aus www.wissenschaft.de/wissenschaft/news/309269.html: "Wenn die Brennebene eines Tropfens exakt auf eine trockene Pflanzenoberfläche trifft, kann intensiv gebündeltes Sonnenlicht sogar tatsächlich ein Feuer auslösen", sagt Horváth. Die Wahrscheinlichkeit dafür sei allerdings ziemlich gering – die Wassertröpfchen wären vermutlich bereits verdampft, bevor sich die Blätter entzünden könnten.

Die Adressen für "Stimmt’s"-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg oder stimmts@zeit.de. Diesen Artikel finden Sie als Audiodatei im Premiumbereich unter www.zeit.de/audio