Die Rollen sind rasch verteilt. Der eine möchte, wie Büchners Lenz, auf dem Kopf durch die Welt gehen, die anderen graust’s davor. Der eine schimpft sich Solitär, Meister, Maestro, letzter Star-Dirigent, überhaupt: Künstler!, die anderen haben es bloß zum gemeinen Tutti-Schwein gebracht und zum Orchestermusiker, zum Kom-munalpolitiker, Konzertabonnenten oder Journalisten – und sind im Blick nach oben mal ehrfürchtiger, mal neidischer. Nach diesem Strickmuster könnte man sich den "Fall Thielemann" hübsch einfach zurechtlegen, und vielleicht ist er das ja auch. Die Geschichte einer Macht- und Geduldsprobe. Der jüngste Beitrag zur Lage der Kulturpolitik in Deutschland und wie eine ganze Stadt sich verzockt. Ein Exempel in Sachen Führung und Stil und wie schwer wir uns gesellschaftlich mit beidem tun. Selbst im bislang so autokratischen Bayreuth (Christian Thielemanns sommerlichem Wohnzimmer) regiert unter der neuen Doppel(!)-Spitze erstmals seit 133 Jahren die Gewerkschaft. Schlechte Zeiten für monomanische Gemüter und Strukturen.

Wäre es so simpel, wäre es allerdings kaum interessant. Interessant sind die Reaktionen auf die Affäre, weil sich in ihnen eine Gesinnung offenbart, die so gleichgültig ist wie schizophren. Als die Vollversammlung des Münchner Stadtrats vergangene Woche in geradezu gespenstischer Einhelligkeit beschlossen hatte (eine einzige Gegenstimme), Thielemanns Vertrag als Generalmusikdirektor der Münchner Philharmoniker über die Saison 2010/11 hinaus nicht zu verlängern, ging ein Raunen durch die Branche. Nicht mehr.

Die Bayerische Akademie der Schönen Künste protestierte, gewiss, einzelne Stimmen empörten sich wohl. Keine sichtbare Spur, aber einer größeren Solidarität. Die Feinde, die Thielemann sich seit 2004 im Orchester wie in der Stadt gemacht haben muss, hatten den Zeitpunkt fies gewählt: Wer steht in den Theaterferien schon öffentlich Gewehr bei Fuß. Und wer identifiziert sich auch leichterdings mit dem als selbstherrlich und undiplomatisch verschrienen Thielemann, der Bilder vom Alten Fritz und von Hans Pfitzner in seinem Büro hängen hat und sein Lebtag angeblich nur Beethoven, Brahms und Bruckner dirigiert?

Das ist die Schizophrenie, und an ihr lässt sich gut ablesen, wie es um den Musikbetrieb bestellt ist: Einerseits wird dieser nur kraft seiner Genies überleben, durch die außerordentliche Kunstleistung, den Himmelssturm. Andererseits will (und muss) er regeln und reglementieren: Anwesenheiten, Repertoires, Kompetenzen. In der Verbürgerlichung einer antibürgerlichen Kunstform liegt der Hase seit Felix Mendelssohn Bartholdy und Richard Wagner im Pfeffer. Die Epoche der überlebensgroßen Pult-Götter, heißt es, sei spätestens mit Herbert von Karajans Tod 1989 vorbei gewesen. Heute beschränkt sich der "Mythos vom Maestro" auf ein arriviertes Vermittlergeschäft. Der postmoderne Dirigent, der Verantwortung trägt und Ämter bekleidet, ist ästhetisch vielseitig, sozial engagiert und in alle Richtungen ein glänzender Kommunikator.

Aus diesem Raster fällt Christian Thielemann, der überzeugte Anachronist, weitgehend heraus. Das war vor fünf Jahren nicht anders und wird in fünf Jahren nicht anders sein, und die Stadt München wusste es. Das heißt: Entweder sie ist dieses Alleinstellungsmerkmals überdrüssig geworden – dann hat sie Thielemanns Abgang geschickt eingefädelt. Oder aber sie wollte dem preußischen Dickschädel lediglich einen Denkzettel verpassen – dann ist ihr die Sache psychologisch aus dem Ruder gelaufen. Thielemann jedenfalls, der ein künstlerisches Zuhause braucht, weil er ungern vagabundiert, scheint nie ernsthaft über die ihm gebotene Option nachgedacht zu haben: Sich nur mehr um die eigenen Belange zu kümmern und alles andere seinem Intendanten zu überlassen. Den direkten Schaden daraus hat München: CDs, Tourneen, der Ring in Baden-Baden, alles abgesagt. Das wird teuer.

Nun bürgt Sperrigkeit allein sicher nicht für Genialität. Auch ist ein GMD-Büro kein luftleerer Raum, und was Christian Thielemann für sich aus dieser Konfrontation lernt, bleibt abzuwarten. Die "MüPhis" aber waren schon immer wenig selbstbewusst und reagierten insofern auf Abtrünnigkeiten besonders allergisch: Als Thielemanns Vorvorgänger Sergiu Celibidache 1984/85 krankheitsbedingt mehrere Konzerte absagen musste und sich in Paris einigelte, meuterten die Philharmoniker, die Sache stand Spitz auf Knopf.

Damals allerdings saß Münchens Musikschickeria so lange auf dem Schoß des Oberbürgermeisters Kronawitter, bis dem rädelsführerischen Orchesterdirektor das Handwerk gelegt war und "Celi" auf goldenen Elefanten heim nach München reiten konnte. Davon kann heute keine Rede sein, und auch das ist ein Symptom: für eine gewisse Müdigkeit, einen Liebesverlust. Wer querschlägt, den gönnt man sich höchstens noch als Paradiesvogel.