Ließe sich ein Wort hinsichtlich seiner Kombinationsmöglichkeiten der Vielweiberei bezichtigen, so das Wort sauber. Längst meint es nicht mehr nur, dass etwas vom Schmutz befreit, also rein ist. "Das hast du ja sauber hingekriegt, Norbert!" besagt im Gegenteil, dass Norbert die Karre gehörig in den Dreck gefahren hat, während es von Bärbel heißt, sie habe ein sauberes Abitur hingelegt, und das, obwohl ihr Vater keine saubere Weste hat und ihr Bruder angeblich nicht ganz sauber sei. Saubere Familie! Nun verdrängt sauber auch den altehrwürdig zackigen Ausruf "Toll!". "Der Norbert ist jetzt Filialleiter." – "Sauber!" Oder: "Ich habe letzte Nacht mit Uschi verbracht." – "Ey, sauber!" Etymologisch stimmt hier rein gar nichts mehr, denn das Wort ist entlehnt aus dem lateinischen sobrius, welches rein, enthaltsam, keusch bedeutet und ursprünglich also sittliche Reinheit meinte. Man sieht schon: Die Irrwege dieser Bedeutungsentwicklung sind nicht gerade eine saubere Sache.

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