Deutschland hat den Superstar, und Karl-Theodor zu Guttenberg, knapp "KT", steht nun sogar über der Kanzlerin auf der Wichtigkeitsskala. Dass die bürgerliche Presse verzückt ist, überrascht nicht. Aber Traditionsfeinde der CSU wie stern oder Spiegel? Das heischt verschärftes Grübeln über ein Phänomen, das der RTL-Show ähnelt. Der junge Wirtschaftsminister, 37, kommt praktisch aus dem Nichts; er hat altersgemäß noch keine Spur im öffentlichen Leben hinterlassen (Profis kannten ihn als Außenpolitiker, im Doppelpack mit von Klaeden/CDU); seinem Gesellenstück als Wirtschaftsminister fehlt der Touch des Heroischen: Er war gegen die Opel-Rettung, hat sich gefügt und dann durchblicken lassen, wie er fast, aber nur fast zurückgetreten wäre.

Und doch jubelt der stern: "Deutschland macht wieder eine gute Figur… so schnell war seit Langem niemand mehr so beliebt." Warum? Der Mann scheint nicht von dieser (Politiker-)Welt zu sein. Er ist nicht direkt von der Kindergarten-Union über Orts- und Kreisverband ins Parlament geklettert, sondern hat einen richtigen Beruf ausgefüllt. Haartracht (Gel), Krawatte (Hermès), Anzug (von der besser sitzenden Sorte), Herkunft (Freiherr), Ehefrau (Bismarck), Vermögen (groß/unabhängig), Status (weder Lehrer noch Funktionär) und Auftritt (zwischen Almanach de Gotha und Bunte) wecken Sehnsüchte, die das hiesige Politikermilieu schon lange nicht mehr befriedigt (anders als noch in Amerika, England und Frankreich).

Grob verkürzt: Wir wissen kaum noch, wer Generalsekretär der SPD oder CDU ist; Olaf Scholz und Ulla Schmidt sind Funktionsträger, keine "Rollenmodelle"; die besten Köpfe – sagen wir: Peer Steinbrück – kollidieren gern mit der Wand, anstatt sie mühsam wegzuverhandeln. Der letzte Charismatiker war Gerhard Schröder, doch der dient inzwischen einem russischen Staatskonzern, derweil wir seine Agenda stückweise abtragen.

Guttenberg, sinniert ein Münchner Machtmensch, der seit Strauß mitmischt, verkörpere dagegen "die Hoffnung auf eine andere Politik". Aber: "Das gelingt nur, weil ihm der politische Kampf noch keine Narben geschlagen hat." In diesem Kampf ist "cool" keine Kategorie. Denn Scholz und Schmidt, Kohl und Merkel sind die Politiker, die wir wollen. (Schröder hat uns mit "2010" schon zu viel zugemutet.) Kohl und Merkel haben reichlich Witz, Intelligenz und Bildung, wie jeder Teilnehmer gern aus der "kleinen Runde" berichtet, aber sie nehmen den Platon nicht wie KT mit in die Ferien. Sie geben sich, wie wir es sind. Deshalb hat der eine 16 Jahre lang regiert, wird die andere mindestens acht schaffen.

Glamour ist nicht Germany, nicht in der realen Politik, wo der gedeckte (Hosen-)Anzug regiert und komischerweise der Marxsche Traum Form angenommen hat: Die Herrschaft über Menschen wird ersetzt durch die Verwaltung von Sachen. Oder durch eine Politik, welche die allergrößte Sehnsucht der ernüchterten Erben von Wilhelm und Adolf bedient: nichts zu viel und nie zu schnell. Dieses Deutschland sucht Herrn/Frau Vermittelbar, nicht den Superstar.

© DIE ZEIT

Josef Joffe ist Herausgeber der ZEIT. Von 2001 bis 2004 war er auch ihr Chefredakteur, gemeinsam mit Michael Naumann. Davor leitete er das außenpolitische Ressort der Süddeutschen Zeitung. Weitere Texte von ihm finden Sie hier (Archiv)