Das Theater lebt. Wer je zweifelte, ob es sich noch in der Konkurrenz der Medien behaupten könne, wurde dieser Tage durch zwei große Theateraufregungen eines Besseren belehrt. Kaum dass der Schriftsteller Daniel Kehlmann die Salzburger Festspiele mit einer spektakulären Polemik wider das Regietheater eröffnet hatte, starb jener Peter Zadek und wurde lebhaft beweint, der zu den Erfindern des Regietheaters gerechnet werden muss. Große Emotionen! Große Aufregung um Kehlmann, der es gewagt hatte, den eigenmächtigen Umgang der Regisseure mit Theatertexten zu beklagen, und große Trauer um Zadek, der es seinerzeit gewagt hatte, das eingetrocknete Nachkriegstheater mit ebensolchen frechen Eigenmächtigkeiten wieder zu beleben.

So viel Erregung, so viel Durcheinander kann nicht von einer sterbenden Kunst ausgehen. Es war auch keineswegs so, dass jene, die Kehlmann zujubelten, Verächter Zadeks gewesen wären, und jene, die Zadeks Tod beweinten, als Widersacher Kehlmanns aufträten. Der Streit, der Hass und die Liebe gingen vielmehr kreuz und quer und ließen nur einen Schluss zu: Es war weitgehend vergessen worden, was Zadek mit dem Theater angestellt hatte. Warum? Weil das Theater immer wieder entrümpelt, von morschen Requisiten und überholten Traditionen befreit werden muss, das Ergebnis dieser Entrümpelung aber nach kürzester Zeit als klassisch gilt.

Vor rund vierzig Jahren hat der Regisseur Rudolf Noelte einmal Molières Misanthropen inszeniert, indem er nichts weiter als ein paar Sessel nebeneinander an die Rampe stellte; die Schauspieler, während sie ihren Text sprachen, konnten nur gelegentlich aufstehen und die Plätze wechseln. Ein schwerer Fall von Regietheater. Aber heute wird Noelte gerade von den Verächtern des Regietheaters für seinen sorgsamen Umgang mit den Texten nostalgisch gelobt. So wird aus dem Skandal von gestern die Bewunderung von heute – und wenig später die Routine von morgen. Das heißt: Neue Entrümpeler müssen kommen, neue Publikumsempörungen provoziert werden. Dass diese Entrümpeler tatsächlich kommen, dass sich das Publikum zuverlässig empört, das macht die Vitalität des Theaters aus.

Doch kann die Entrümpelung natürlich nicht auf Dauer gestellt werden: Das ist das Problem des modernen Regietheaters. Irgendwann ist alles auf dem Sperrmüll gelandet, und vom Ausmisten bleibt nur eine leere Geste. Dann bleibt nur Wüten, Brüllen, Schreien; unter anderem darüber, dass man nichts mehr zu tun hat. Alle Traditionen wurden in den letzten Jahrzehnten schon mit kalkulierten Tabubrüchen, mit Blut, Urin und Sperma, weggeätzt; inzwischen sind es jene Putzmittel, die auf der Bühne verstauben. Die größere Provokation besteht heute womöglich darin, wieder still und andächtig den Vorgaben der Theaterautoren zu folgen; Kehlmann hat es in seiner Rede angedeutet.

Es ist aber nicht sicher, ob man damit das Publikum zur erwünschten Konzentration oder nur zur gepflegten Langeweile führt; dazwischen liegt jener schmale Grat, auf dem Peter Stein, auch er ehemals ein Regietheater-Maniac, inzwischen mit seinen Klassikerinszenierungen balanciert, gelegentliche Abstürze eingeschlossen.

Das Problem der verlorenen Balance ist aber nur das Problem des zeitgenössischen Regietheaters. In Wahrheit gab es immer Regietheater, und was wir uns heute als klassisch und altmeisterlich denken, war niemals oder nur an minderen Bühnen so gemeint. Schon Schiller war für seine Regieeinfälle, für rücksichtslosen Umgang mit Texten berüchtigt; vor allem an Goethe-Stücken hat er sich ausgetobt, um sie bühnenfähig zu machen, wie er es sich dachte. Es ist nun einmal so, dass der Text nur eine Spielvorlage ist; Respekt vor dem Text heißt nicht sklavisches Herunterbeten, sondern ihm ein Maximum an Wirkung zu geben.