Mit der Ruhe im Naturdenkmal ist es vorbei, als Michael Ackermann die Motorsäge startet. Das Arbeitsgerät des Fossilienpräparators entlässt ein hochtouriges Heulen, frisst sich gierig durch die schieferigen Schichten und verstummt erst, als ein meterdicker Quader vom Untergrund getrennt ist. Nun greift er zu feinerem Gerät, mit dem Stemmeisen zerkleinert er den Kubus in transportable Platten. Bruno Behr, technischer Assistent, wuchtet sie in einer Schubkarre hügelan zu den wartenden Teamkollegen.

Sie haben sich auf Campingstühle gesetzt, akkurat in einer Reihe, am Rand der Mulde, die vor 47 Millionen Jahren zum Grab von Millionen Tieren und Pflanzen wurde. Die Kadaver von damals sind versteinert, verborgen im Untergrund. Täglich kommen die Wissenschaftler im Sommer hierher, um fossile Schätze zu bergen. (Beispiele für die Funde finden Sie hier)

Keiner weiß, ob heute ein Glückstag ist. Ob sich in den schwarzen Brocken Preziosen verbergen. Ein weiteres Urpferdchen etwa, einer jener putzigen Unpaarhufer aus dem mittleren Eozän, die diese Grube berühmt gemacht haben. Kommt ein Krokodil zum Vorschein? Das Gerippe einer Würgeschlange, die feingrätige Flosse eines Kannibalen-Barschs, die Reste einer geflügelten Riesenameise? Vielleicht ist es wieder mal Zeit für einen Affen wie Darwinius masillae jenen fossilen Ahn von Lemuren und möglicherweise Primaten, dessen komplett erhaltenes Skelett vor Wochen als "Ida" weltweit Schlagzeilen gemacht hat.

Es sind Wissenschaftler des Forschungsinstituts Senckenberg, die sich durch den Untergrund der Grube Messel graben, auf der Suche nach Spuren der Vergangenheit. Sie legen sich gelbe Matten auf die Knie, packen synchron je einen Ölschieferbrocken und greifen zum Schlachtermesser. Deren scharfe Klingen treiben sie in schmale Ritzen des Gesteins, drehen am Messergriff – die oberste Schicht wird weggesprengt. Dann der hoffnungsvolle Blick auf die freigelegten Flächen, wie das Lugen in eine Wundertüte. Das Expertenauge analysiert blitzschnell Strukturen: Muster eines Flügels? Reste eines Skeletts?

Ist die Platte eine Niete, wird sie mit Schlägen zerkleinert und fliegt als Forschungsmüll in hohem Bogen auf die Halde. Tritt aber ein lohnenswertes Fossil zutage, was häufig passiert, wird es sofort mit dem Pumpsprüher nass gespritzt. Denn der Ölschiefer, geschichtetes, stark wasser- und ölhaltiges Sedimentgestein, trocknet schnell aus und zerbröselt. Funde werden mit einer Nummer versehen und in eine Kiste gepackt. Dann kann Präparator Ackermann die Unikate aus dem Eozän konservieren und zu neuen Exponaten machen.

Wie die Grube Messel einst entstanden ist... Klicken Sie auf das Bild, um die Grafik zu vergrößern © ZEIT Grafik; Quelle: Senckenberg Forschungsinstitut und Naturmuseum

Heute ist Bruno Behr als Erster erfolgreich, er stößt auf einen 15 Zentimeter langen Fisch. Hier ein Blatt, dort noch ein Blatt. Immer wieder brechen die Forscher saubohnengroße Stücke aus dem Schiefer: Kot, vor 47 Millionen Jahren hinterlassen und danach zu Stein geworden.

Es sind Momentaufnahmen aus der Vergangenheit, die die Forscher ans Licht holen. Stephan Schaal leitet die Abteilung Paläoanthropologie und Messelforschung des Senckenberg Instituts, seit 25 Jahren hat er mit den Fossilien aus dieser weltberühmten Mulde zu tun. Oft dokumentieren die Funde einzelne Schicksale, in Stein festgehaltene Szenen: ein Kurzschnauzen-Knochenhecht, scheinbar schwimmend, zum Zeitpunkt seines Todes. Eine Weichschildkröte trägt noch ihren schützenden Panzer. Ein Urhuftier liegt gekrümmt da, in der typischen Haltung einer Wasserleiche, die Beine eng aneinandergelegt. Auch aus dem grünbläulich schimmernden Blatt einer längst ausgestorbenen Walnussart scheint das Leben erst jüngst entwichen zu sein.

In diesem Sommer ist Schaal ein besonderes Fossil untergekommen. "So etwas gibt es nirgendwo auf der Welt", sagt er, stellt eine rote Kiste auf den Boden und hebt den Deckel. Ein Objekt kommt zum Vorschein, frisch in honigfarbenes Kunstharz eingegossen. Es hat soeben die Werkstatt verlassen, Schaal wird in den nächsten Tagen mit der wissenschaftlichen Analyse beginnen. Anders als bei Tausenden Fossilien, die das Museum hütet, ist hier nicht nur ein Moment versteinert. Vielmehr liegt eine Kette von Ereignissen konserviert in der Plastikkiste, ein Streifen Film. "Dieses Fossil", sagt Schaal, "erzählt uns eine ganze Geschichte."

Sie spielt in einem Europa, das eine Inselwelt war. Die Alpen hatten sich noch nicht aufgefaltet. Geografisch lag der Ort der Grube auf der Höhe des heutigen Siziliens. Die Durchschnittstemperatur lag deutlich über 20 Grad. Zwischen Europa und Amerika hatte zuvor eine Landbrücke bestanden. Dies legen verschiedene Messeler Fossilien nahe, ein straußenartiger Vogel, verwandt mit dem südamerikanischen Nandu, und ein Ameisenbär, das einzige nichtamerikanische Exemplar.