Vier Jungs aus Sheffield: Nick O'Malley, Alex Turner, Jamie Cook und Matt Helders (von links) © Guy Aroch


Es ist ein weiter Weg vom nordenglischen Sheffield in die Wüste. Ein entspanntes Umfeld für Musikaufnahmen verspricht das Tonstudio Rancho de la Luna in seiner Werbung, "mit inspirierenden Sonnenuntergängen, Mondschein und Sternschnuppen, einer Freiluftbadewanne aus Redwoodholz, beschattet von Zedrachbäumen und Palmen, und in der nächtlichen Luft mischt sich dann der Duft von Grillfleisch mit dem Aroma frisch gerösteten Kaffees". Das ist purer Esoterikkitsch, und der war es zum Glück nicht, der die Arctic Monkeys ins kalifornische Joshua Tree geführt hat. Dennoch schwärmen die Mitglieder der britischen Band auch Monate später noch von dem Erlebnis. Der Sänger Alex Turner zum Beispiel erzählt entrückt von dem Moment, da Josh Homme, der Mann, dessentwegen die Arctic Monkeys in die Wüste gingen, die Band in Los Angeles abholte, in einem klapprigen Van: Hey Jungs, springt rein, die Reise kann losgehen. Es wurde dann, sagt Turner, eine Reise ins Licht und in die Dunkelheit zugleich. An deren Ende steht nun das dritte Album der britischen Indie-Rockband Arctic Monkeys; es trägt den komischen Titel Humbug.

Auf dem Weg zu sein, im Nirgendwo zwischen bekannten Orten und Koordinaten, das ist vielleicht schon die passendste Metapher für diese immer noch blutjunge Band – und die wahrscheinlichste Erklärung für ihren unwahrscheinlichen Erfolg. Dreieinhalb Jahre ist es her, dass sie mit ihrem Debüt Whatever People Say I Am, That‘s What I‘m Not einen Rekord aufstellte: das schnellstverkaufte Album der britischen Musikgeschichte, fast vierhunderttausend Exemplare in einer Woche, und das in einer Zeit, da die Plattenindustrie längst ihrem Tod entgegensiechte, durch unbezahlte Downloads aus dem Internet. Genau dort aber hatte der Hype um die Arctic Monkeys begonnen. Fans luden frühe Demoversionen der ersten Lieder auf die Seiten von MySpace, und die Kunde über diese Band verbreitete sich im Netz wie ein Lauffeuer. Doch warum stürmten so viele Leute dann die Plattenläden, statt sich irgendwo im Internet die Lieder illegal, aber kostenlos herunterzuladen? Und warum werden sie es aller Voraussicht nach jetzt wieder tun, um Humbug zu kaufen?

Es gibt dafür keine vernünftige Erklärung. Außer man traut dem eigentlich Unfassbaren – der Wirkmächtigkeit einer guten Erzählung, an der sich sehr viele Menschen per Plattenkauf eine physische Teilhabe sichern wollen. Die Informationswege mögen neu sein, doch die Musik dazu ist im Prinzip alt und die Form der Erzählung eine geradezu ewige: der Entwicklungsroman. Die Musik und die Musiker der Arctic Monkeys waren und sind im besten Sinne unfertig, man kann ihnen beim Werden zuschauen. Alex Taylor war beim Erscheinen des Debüts 2006 gerade zwanzig geworden, und keines der Bandmitglieder spielte da länger als drei, vier Jahre sein jeweiliges Instrument. Sie waren also noch halbe Amateure, doch das störte nicht, im Gegenteil. Das seit den Tagen des Punk in der Popkultur akzeptierte Amateurethos half eher: Das Unperfekte schuf einen aufsehenerregenden Kontrast zur Perfektion anderer moderner Popmusik. Es ließ Raum für die Publikumsfantasie, Zeuge zu werden bei der Entstehung von etwas wahrlich Großem. Die Arctic Monkeys schienen wieder ins Recht zu setzen, was fast schon vergessen war: dass sich die unhinterfragbare euphorische Qualität von Popmusik im jugendlichen Übermut beweist – im Wollen, nicht im Können.

Die Arctic Monkeys spielten auf ihren ersten beiden Alben eher schlichten Indie-Rock, mussten sich für das Altmodische und Simple ihrer Musik aber nicht rechtfertigen, weil ihre Songs ausreichend übermütig waren und die Texte von Alex Taylor brillant in ihrer Suggestivkraft. Taylor braucht nur ein paar Liedzeilen, um eine Gefühlslage mit szenischen Mitteln allgemeingültig zu machen, auch für deutlich ältere Zuhörer: das Bleierne des Morgens nach einem trunkenen One-Night-Stand; das Schäbige einer verzweifelt verunglückten Anmache in der Disco; die hoffnungslose Traurigkeit einer Hure vom Straßenstrich, die sich einem ekeligen Freier verkauft – Geschichten eines gerade mal Zwanzigjährigen, aus denen allesamt Hits wurden.