Die Meldung klang skurril, war aber ernst gemeint: Im Januar berichtete die New York Times, Barack Obamas Aufstieg zum US-Präsidenten habe die Afroamerikaner derart begeistert, dass sich ihre akademischen Leistungen deutlich verbessert hätten. In einer repräsentativen Studie dreier angesehener Universitäten hatten 472 Probanden aller Altersstufen und Bildungsgrade 20 Fragen zu Wortschatz und Grammatikverständnis beantworten müssen. Dabei schnitten Schwarze und Weiße erstmals praktisch gleich gut ab. Der seit Jahrzehnten diagnostizierte Leistungsrückstand der Afroamerikaner sei durch den Obama-Effekt nahezu verschwunden, schlussfolgerten die Forscher der Northwestern, Vanderbilt und San Diego State University.

Die Studienergebnisse haben unter Testexperten zurückhaltende Reaktionen ausgelöst. Denn sollten sie sich in weiteren Untersuchungen bestätigen, wären sie tatsächlich eine Sensation angesichts der enormen Bedeutung, die das amerikanische Bildungssystem standardisierten Testverfahren einräumt: Schulen werden bei zu schlechtem Abschneiden ihrer Schüler öffentlich an den Pranger gestellt, im Extremfall wird die Schulleitung ausgewechselt. Dabei trifft es bislang überwiegend die unterfinanzierten Inner City Schools, deren Schüler größtenteils schwarz sind. Auch der Zugang zum Studium ist über einen einheitlichen Test namens SAT geregelt, in dem Schulabgänger je nach Hochschule eine bestimmte Mindestpunktzahl erzielen müssen. Bislang bleibt vielen Schwarzen so der Zugang zu den besten Universitäten verwehrt.

Entsprechend groß ist das Aufsehen, das eine gerade veröffentlichte Sonderauswertung des wichtigsten schulischen Leistungstests NAEP erregt. NAEP steht für National Assessment of Educational Progress und untersucht alle zwei Jahre in einer repräsentativen, Hunderttausende Schüler umfassenden Stichprobe das Lese- und Mathematikverständnis der Viert- und Achtklässler an allen öffentlichen Schulen in den USA. Die nationale Statistikbehörde hat jetzt ermittelt, dass der durchschnittliche Leistungsrückstand schwarzer Schüler im Vergleich zu weißen in den vergangenen 15 Jahren wirklich geschrumpft ist, und zwar um etwa ein Viertel – in beiden Fächern und beiden Altersgruppen. Bemerkenswert ist dabei, dass sich auch die Weißen seit Anfang der Neunziger stark gesteigert haben, doch war der Zuwachs bei den Schwarzen noch höher. Von einer Aufholjagd zu sprechen wäre indes übertrieben. Bleibt es beim gegenwärtigen Tempo des Lückenschlusses, werden die Afroamerikaner erst 2050 den Stand der Weißen erreicht haben.

Für den hartnäckigen Leistungsunterschied kursiert eine Reihe von Erklärungen. US-Bildungsminister Arne Duncan etwa kritisiert, dass sich zu viele gute weiterführende Schulen im Land immer noch vor Minderheiten abschotteten, die so in den Inner City Schools hängen blieben. "In vielen Fällen wird Kindern so das Bürgerrecht auf eine Bildung versagt, die ihnen einen Schulabschluss und die Vorbereitung auf College und Beruf ermöglichen würde." Zudem haben Bildungsforscher in den USA, wie übrigens auch in Deutschland, einen statistisch nachweisbaren Zusammenhang zwischen dem Haushaltseinkommen und dem Erfolg in Schule und Karriere gemessen. Abseits aller Fachsprache heißt das: Schwarze haben schwächere Noten, brechen häufiger die Schule ab und landen seltener in gut bezahlten Jobs. Wissenschaftler haben aber auch herausgefunden, dass selbst bei einem identischen Wissensstand Schwarze in standardisierten Testverfahren deutlich weniger Fragen richtig beantworten als Weiße. Mangelndes Selbstbewusstsein und die Angst davor, rassistische Vorurteile über die akademische Leistungsfähigkeit Schwarzer zu bestätigen, hätten die Probanden sich von vornherein verkrampfen lassen, erklären die Forscher.

Hier zumindest könnte der Obama-Effekt helfen. Ein schwarzer Präsident wirke wie eine Inspiration, sagt Ray Friedman, Managementprofessor an der Vanderbilt-Universität und einer der Autoren der 20-Fragen-Studie. Im Sommer 2008 konnten die Schwarzen demnach im Schnitt nur 8,5 Fragen richtig beantworten, die Weißen 12. Bei der Wiederholung des Tests nach Obamas Wahlsieg kamen die Schwarzen ebenfalls auf nahezu 12 korrekte Antworten. "Wir waren selbst von den Ergebnissen überrascht", sagt Friedman. Ob und wie sich die Erfolgsgeschichte des neuen Präsidenten allerdings auf die NAEP-Leistungslücke auswirken wird, ist noch unklar. Die Auswertung der Testrunde 2009 wird erst in einigen Monaten vorliegen.

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