Die Verfilmung der Blechtrommel war von Anfang an ein "Schaukampf", ein Himmelfahrtskommando, das eigentlich nur schiefgehen konnte. So wie Frankreich mir nie so recht verziehen hat, dass ich mich mit Eine Liebe von Swann an der heiligen Kuh Marcel Proust vergriffen habe, so galt in Deutschland der Roman von Günter Grass als nicht zu verfilmen. Andrzej Wajda hatte ebenso abgesagt wie Roman Polanski, wobei Letzterer auch noch gleich die Hauptrolle hätte spielen sollen.

15. April 1980: Volker Schlöndorff nimmt den Oscar für den besten fremdsprachigen Film entgegen © dpa

Unsere Eltern hatte das Buch schon deshalb schockiert, weil sie wohl nur die "Stellen" gelesen hatten. Als ich in einem Münchner Antiquariat ein paar gebrauchte Exemplare kaufte, um sie für die Drehbucharbeit zerschneiden zu können, bemerkte ich jedenfalls, dass das Papier ganzer Kapitel blütenweiß und, wie Grass sagen würde, jungfräulich war, während andere Seiten eselsohrig, zerfleddert und abgegriffen waren.

Als ich dem liebenswürdigen Drängen von Franz Seitz nachgab, vor allem aus Dankbarkeit dafür, dass er meinen Erstling Der junge Törless produziert hatte, wusste ich wirklich nicht, worauf ich mich da einließ, zumal wir ja noch keinen Darsteller hatten, ja nicht einmal ahnen konnten, dass in unserer Stadt München, ein paar Straßen weiter, auf der anderen Seite des Englischen Gartens, ein kleiner Junge heranwuchs, der David Bennent hieß.

Die Italiener, hieß es, seien mit "Vergiss Venedig" sehr siegessicher

Ohne ihn hätte es wohl keine Goldene Palme in Cannes gegeben. Das war damals die Auszeichnung, die für uns weit über dem Oscar stand, schließlich wurde sie von einer Jury der Besten vergeben. Die Oscars waren in den siebziger Jahren noch weit weg, die Welt noch nicht so global vernetzt wie heute. Aber auch in Cannes war die Konkurrenz gnadenlos, unser Gegner kein Geringerer als Francis Ford Coppola mit Apocalypse Now . Als es dann hieß: "Volker, du hast die Palme!", war ich – im Land meiner Meister gekürt – glücklicher als je zuvor. Umso weniger verstand ich meinen weisen Freund Anatole Dauman, der mir zuflüsterte: "Mein Ärmster, von jetzt an wirst du schrecklich leiden."

Wenn er damit den Ruhm meinte, so sollte es ja bald noch schlimmer kommen. So wie wir mit dem Auto über den Brenner nach Cannes gefahren sind, Margarethe von Trotta, ihr damals 14 Jahre alter Sohn Felix und ich, so wollten wir uns auch Hollywood auf Umwegen nähern. Wir flogen bis Denver, fuhren über Flagstaff, den Grand Canyon, Las Vegas und an Zabriskie Point vorbei durch die Wüste nach Los Angeles.

Die Nervosität war groß, denn die Vergabe des Academy Award für den besten nicht englischsprachigen Film ist ein einziges Roulette. Nur wer alle fünf nominierten Filme in geschlossenen Vorstellungen mit Anwesenheitsliste gesehen hat, darf abstimmen. Fremdsprachige Filme mit Untertiteln sehen sich in Hollywood – jedenfalls was die Mitglieder der Academy of Motion Picture Arts and Sciences betrifft, die ja nicht gerade aus jungem arthouse-Publikum besteht – nur ein paar ältere Emigranten an. Sie sind zwar interessiert, aber oft nicht mehr beweglich. Wie kann man sie dazu bringen, sich fünfmal aus dem Haus zu bemühen? Ein findiger Produzent soll sogar Fahrdienste organisiert haben, nicht damit sie sich nur seinen, sondern auch die Filme der anderen Kandidaten anschauen. Denn nur dann sind sie wahlberechtigt. Trotzdem sind es am Ende nur 60 bis 80 Leute, die ihre Stimme abgeben, gegenüber den fast 10.000, die über die amerikanischen Filme abstimmen. Da ist der Ausgang ungewiss, egal wie heftig Billy Wilder die Werbetrommel für uns gerührt hatte – nicht aus Freundschaft, wie er sagte, sondern aus Überzeugung.

Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik © Barbara Sax/AFP/Getty Images

Die Italiener aber, hieß es, seien sehr siegessicher mit Vergiss Venedig/Dimenticare Venezia , einem sehr geschmackvollen Melodram, nicht der Film nach der Novelle von Thomas Mann, aber ein gefühlvoller Film mit Gondeln, Kanälen und Palästen, ganz dem kalifornischen Geschmack entsprechend. Die Blechtrommel dagegen zeigte Deutsche, Nazis, barbarische Geschmacklosigkeiten, Aale in einem Pferdekopf, Brausepulver mit der Spucke eines Minderjährigen in einem Bauchnabel aufgeschäumt, drastische Sexszenen, noch dazu mit einem Kind, also nicht gerade das, was man in Beverly Hills unter Kunst versteht. Wir hatten guten Grund, nervös zu sein.

Beim Gang über den roten Teppich bemerkte uns niemand. Ich schaffte es sogar, Felix ohne Eintrittskarte durch alle Kontrollen zu schleusen und ihn irgendwie zwischen Margarethe und mir auf der Sitzkante zu platzieren. Wie in Trance verfolgte ich das Geschehen, immer wieder im Kopfe an einer eventuellen Dankesrede feilend.