Wo Steinmeier draufsteht, ist derzeit immer auch ein wenig Obama drin. Der amerikanische Präsident schlägt den Dreiklang von mehr Jobs, Gerechtigkeit und Umweltschutz bei sich zu Hause an, wo er nur kann. Und er will nicht bloß eine Reform auf einmal durchsetzen, sondern vom Kostenwahnsinn im Gesundheitswesen bis zum fortgesetzten Klimafrevel alle großen Probleme gleichzeitig angehen. Dieser Geist, man könnte auch sagen: politischer Mut, ist in Steinmeiers Plan für "Die Arbeit von morgen" ebenfalls zu finden. Der deutsche Kandidat lässt darin kaum ein Feld der Wirtschaftspolitik aus – und spricht nahezu jedes aktuell gängige Schlagwort an.

Wie einst sein Mentor Gerhard Schröder erklärt auch Steinmeier ein festes Ziel für den Arbeitsmarkt. Schröder wollte zu seiner Zeit die Arbeitslosenzahl unter drei Millionen senken – und wurde im nicht enden wollenden Abschwung immerfort am eigenen Maßstab gemessen. Steinmeier ist daraus nicht klug geworden und will nun vier Millionen neue Jobs ermöglichen. Aber es wäre unfair, das Konzept einzig danach zu bewerten, ob diese Vorgabe realistisch ist. Man merkt, dass es Steinmeier um mehr geht, um einen echten Umbau der Republik.

Das ist es, was den Plan einerseits spannend zu lesen und im Sinne politischer Auseinandersetzung glaubhaft macht. Doch andererseits macht es ihn auch suspekt.

Was da auf 67 Seiten dargelegt wird, hat nämlich durchaus etwas Planwirtschaftliches. Und zwar im Sinne einer Industrie- und Standortpolitik, die meint, der Staat könne den Weg der Wirtschaft mit Kontrollen und Regeln, mit Steuern und Subventionen vorbestimmen. Da werden in der Steinmeierschen Vision durch einige Federstriche des Gesetzgebers "Unternehmen zu großen Wagniskapitalgebern und machen Deutschland wieder zum Gründerland". Für die Gesundheitswirtschaft wird der "Entwicklungsplan eine Million" (Jobs) aufgelegt, und für Arbeitsplätze in der Kultur- und Medienindustrie kommt ein "Kreativpakt" zum Einsatz. Ja, die Feinsteuerung geht so weit, dass in der Managerausbildung an den Hochschulen "gesellschaftliche und ökologische Kompetenzen und Verantwortungsbewusstsein" verankert werden.

Selbstredend wird sogar der freie Handel "durch aktive Politik" gestaltet. Freien Handel gestalten? Darauf können nur Leute kommen, die den Dritten Weg suchen. Und auch wenn das Wort nicht fällt, so ist doch die Idee nicht fern. Steinmeier kritisiert denn auch den Liberalisierungswahn der Rechten genauso wie den Bevormundungsstaat der Linken – und will ab durch die Mitte.

Vieles ist richtig an dem Plan. Die Deutschen brauchen tatsächlich bessere Schulen und Hochschulen, damit alle Kinder eine Chance im Leben erhalten und insgesamt die Löhne im Land steigen können. Die Einwanderer über mehr Bildung integrieren zu wollen ist ebenso fortschrittlich. Und ganz zu Recht fordert Steinmeier, wir bräuchten endlich Elektroautos made in Germany und ein intelligentes Stromnetz, durch das erneuerbare Energie zum richtigen Zeitpunkt dorthin gelangen kann, wo sie gebraucht wird.

Doch insgesamt mutet Steinmeier dem Staat viel zu viel zu, überall soll er fernsteuern, feinsteuern, gegensteuern. Der SPD- Plan würde Deutschland außerdem in ein weiteres Schuldenabenteuer stürzen, und das würde die deutsche Psyche wohl nur schwer verkraften. Außerdem sagt ausgerechnet die SPD nichts darüber, dass die Sozialabgaben demnächst steigen werden. Das aber macht Arbeit teurer und Arbeitnehmer ärmer. Was will Steinmeier dagegen unternehmen?

So ganz ist er eben nicht wie Obama. Der will den Staat an einigen Stellen sogar zurücknehmen und fordert im Übrigen echte Opfer von vielen Bürgern. Das hat Gerhard Schröder mit seiner Agenda 2010 auch getan. Die war erfolgreich, aber unbeliebt. Vielleicht ist es mit Steinmeiers neuer Agenda umgekehrt.