Irgendetwas stimmt mit dieser Bombe nicht, sie passt nicht hierher. Der Krieg des 21. Jahrhunderts hat die Ferieninsel Mallorca erreicht, aber ich sitze in einem geliehenen Ford Focus und fahre zum Strand. Es gibt in diesem Augenblick nicht viel zu sagen über den Krieg des 21. Jahrhunderts, weil ich ihn zuerst gar nicht bemerke. Ich ärgere mich über den Stau, in den ich geraten bin, über die sinnlosen Absperrungen der spanischen Polizei. Warum diese Verzögerung? Später wird es im Radio heißen, dass eine Bombe hochgegangen sei, vor einer Polizeikaserne im Süden der Insel. Zwei Männer der Guardia Civil kamen um. Vermutlich steckt die baskische Terrorgruppe Eta dahinter. Die Polizei sucht die Täter, riegelt die Häfen ab, kontrolliert die großen Straßen, evakuiert Hotels. Das Fernsehen wird bald Bilder eines ausgebrannten Autowracks bringen. Aber ist das überhaupt möglich, ein Terroranschlag auf Mallorca? Kann jemand diese Insel so ernst nehmen, dass er ihr etwas antun will?

Am Donnerstagnachmittag der vergangenen Woche, kurz nach dem Attentat, ist am Strand alles wie immer. Blauer Himmel, 32 Grad. Ich will gerade schwimmen gehen, als die Nachricht von der detonierten Bombe eintrifft, den toten Polizisten. Was soll man tun? Die Mädchen mit den Federballschlägern spielen weiter Federball, die Jetskifahrer fahren Wasserski, niemand lässt sich aufhalten. Müsste etwas geschehen?

Geht uns das etwas an, uns, die wir hier in unseren kurzen Hosen tatenlos herumstehen?

Es geht etwas seltsam Ungefähres aus von dieser Bombe. Das Attentat geschah in Palmanova, gleich hinter den Hügeln, gar nicht weit weg. Aber es kann kein starkes Feuer ausgebrochen sein, man sieht keinen Qualm. Es kann auch keine große Detonation gewesen sein, man hörte keinen Knall.

Ein Terrorakt, aber kein Inferno. Die Attentäter haben Polizisten umgebracht, Repräsentanten des spanischen Staates. Hat die Bombe auch uns gemeint?

"Es geht gegen den König, ihr seid aber doch das Volk"

Das ist die Frage, hier am Strand, wie im Terrorkrieg des 21. Jahrhunderts: Wer ist gemeint? Wer ist gemeint außer denen, die sterben? Eine Nation? Eine Weltgegend? Eine Weltanschauung? Meint die Eta den spanischen Staat, wenn sie auf Mallorca bombt? Wer muss sich schützen, wer nicht? Kann sich jemand sicher fühlen, weil er in kein Beuteschema passt?

Der Kellner in der Strandbar will nicht gleich sagen, was er aus den Radionachrichten weiß. Bombe? Er lässt mich das Wort dreimal wiederholen, dann antwortet er: "Ja, eine Bombe. Die Eta. Keine Islamisten, bloß die Eta." Es klingt, als spreche er über eine altmodische Marotte, einen Rest von separatistischem Furor in einer Zeit der internationalen Großkonflikte. Eta. Wie er das sagt, klingt es nach einem Missverständnis. Der spanische König werde bald seinen Sommerurlaub auf Mallorca verbringen, meint der Kellner, deswegen die Bombe. Es geht gegen den König, ihr seid das Volk, ihr seid nicht gemeint.