In England gibt es einen Mann, den man als den Einstein der Popkultur bezeichnen kann: Simon Cowell hat die Zauberformel entdeckt, die Live-Talentshows im Fernsehen zum Dauerelixier unserer Glückseligkeit macht (und seiner eigenen: Jedes Mal wenn wir einschalten, kann er sich ein neues Haus kaufen).

Eine seiner Shows heißt Britain’s Got Talent, und ja, ich gehöre zu den 18,5 Millionen süchtigen Zuschauern, die allwöchentlich vor dem mitreißenden Spektakel von Leuten kleben, die irgendeinen wagemutigen Bühnenakt vor drei Jurymitgliedern und den Millionen Zuschauern zu Hause aufführen. Alles geht: Sänger, Blumenarrangeure, Tänzer, Schwertschlucker, Pantomimen, Jongleure, Imitatoren, Zauberer, Aufsager schlechter Lyrik, stolze Haustierbesitzer und sogar Stripper. Jeder bekommt seine Chance, sich zum Narren zu machen, je exzentrischer, desto besser.

Der Hauptpreis ist die Teilnahme an der Royal Variety Show vor der Queen. Dort sind schon die Beatles aufgetreten, 1963; John Lennon provozierte damals das reiche Publikum mit der Aufforderung: "Für unser letztes Stück bitte ich um Ihre Hilfe: Würden Sie auf den billigen Plätzen bitte klatschen? Und alle anderen, klappern Sie bitte einfach mit Ihrem Geschmeide."

Britain’s Got Talent ist das einzige Phänomen, dem es heutzutage gelingt, das britische Klassensystem zu unterwandern, ja vielleicht sogar zu zerstören. Ich kann es zwar nicht beweisen, aber ich vermute, auch die Queen verfolgt die Sendung jede Woche. Es ist unsere Version des Zirkus im alten Rom. Ohne Erbarmen, aber mit Genuss schauen wir zu, wie unschuldige Seelen lebendig in Stücke gerissen und verspeist werden. Dabei sind sie gar keine Opfer im engeren Sinne: Sie sind besessen von Kampfgeist und dem Wunsch, gesehen, geliebt und populär zu werden. Sie sind mehr als nur Kandidaten. Der Einfluss des Fernsehens versieht sie im Nu mit ihrem eigenen Mythos und mit Berühmtheit.

In diesem Jahr wurde das Fernsehen allerdings von der kosmischen Macht von YouTube ausgestochen. Susan Boyle, eine unattraktive, arbeitslose, merkwürdige, aber überraschend begabte 47-Jährige aus einem schottischen Dorf, sang I Dream a Dream aus dem Musical Les Misérables und eroberte binnen weniger Tage die Welt. Als sie ans Mikrofon trat, reagierten Jury und Publikum skeptisch und spöttisch. Dann fing sie an zu singen, und aus dem hässlichen Entlein wurde ein anmutiger Schwan. Sehen Sie selbst. Die folgenden Standing Ovations waren erst der Anfang ihres weltweiten Erfolgs via YouTube.

Bis heute, während ich dies schreibe, haben 27.790.772 Menschen den Clip gesehen. Im Juli sah sich Präsident Obama gezwungen, eine TV-Rede zur besten Sendezeit über das Gesundheitssystem zu verschieben, weil sie mit einem Susan-Boyle-Interview auf NBC kollidierte.

Ich glaube, dass Simon Cowell ganz einfach die Sehnsucht der Menschen verstanden hat, den Sprung aus ihrem gewöhnlichen Leben ins Außergewöhnliche zu schaffen. Am Ende verlor Susan Boyle gegen Diversity, eine Truppe autodidaktischer Straßentänzer, die gar nicht wussten, wie gut sie wirklich waren, als sie das erste Mal in der Show auftraten. Ich kann’s nicht erwarten, die Royals zu sehen, wie sie zu den ansteckenden Beats der urbanen Tanznummer klatschen und mit ihrem Geschmeide klappern.

Aus dem Englischen von Frank Heibert