Man nennt es auch Sommer. Die Zeit der kleinen Kröten und der großen Trauer ist wieder da. Was für Kröten? Nun, diese winzigkleinen neugeborenen Kröten, die jetzt durch das Gras hasten, kaum käfergroß, aber wenn du sie auf die Handfläche setzt, dann siehst du sie atmen, mit heftig bewegten Flanken, und aus blanken Äuglein die Welt mustern, voller Angst und voll der wahnwitzigen Hoffnung, einmal groß und fett zu werden, ungefähr wie Mutti, die nun schon aber über alle Berge ist. Wer wird die kleine Kröte schützen? Wer wird sie auf ihrem Lebensweg und in ihrem Lebenstraum begleiten und fördern? Niemand. Die Antwort lautet einfach: Niemand. Niemand wird sie vor den Menschenfüßen, vor den gierigen Vögeln, vor dem Gummi der Autoreifen behüten. Und das ist die große Trauer, wenn nicht sogar Entsetzen das bessere Wort wäre: Entsetzen über die verschwenderische Gleichgültigkeit der Schöpfung, die an dem eben noch massenhaft und liebevoll Produzierten schon einen Augenblick später jedes Interesse verliert.

Sind wir Menschen nicht auch solche Kröten? Liebevoll hergestellt in großer Zahl, aber dann sitzen wir, heftig atmend, in der Hand eines Personalchefs, er mustert uns vielleicht bewundernd, er sieht die Öhrchen, die Ärmchen und Beinchen, wie alles lebendig durchpulst und detailreich ausgeführt ist, aber dann setzt er uns doch zurück auf die Straße, denn von uns, sagt er sich, gibt es ja doch Tausende, es hat gar keinen Sinn, ausgerechnet ein einziges Exemplar vor allen anderen zu fördern. Und vielleicht packt auch den Personalchef die große Trauer, das tränennasse Haupt sinkt in die auf der Schreibtischplatte gekreuzten Arme, und er schläft einen kurzen erquickenden Büroschlaf. Aber wir da draußen wieder auf der Straße, inmitten des räuberischen Autoverkehrs, unter neidischen Nachbarn und missgünstigen Konkurrenten, werden wir jemals die Chance haben, groß und fett zu werden? Die Antwort lautet: höchstens ausnahmsweise. Wir hasten voran, nicht informierter und nicht geschützter als die kleinen Kröten, erklimmen unter Mühen die Grashalme, die wenig später knicken, und kennen unseren Weg nicht. Die Sonne scheint, die Schaufenster glitzern, ein Bettler streckt sein Ärmchen aus. Den hat es schon erwischt! Ach, wenn wir uns doch alle als Bettler sähen, dann käme vielleicht noch ein Rühren in die Schöpfung zurück.