Rund fünf Millionen der insgesamt 20 Millionen Rentner in Deutschland könnten von Oktober an Post vom Finanzamt bekommen. Der Fiskus prüft mögliche Steuernachzahlungen. Hintergrund: Seit dem Jahr 2005 müssen Rentner mindestens 50 Prozent ihrer Alterseinkünfte versteuern. Dieser Steueranteil steigt jedes Jahr um zwei Prozentpunkte.

Hetzt der Staat jetzt den Alten die Steuerfahnder auf den Hals? Werden Rentner hart bestraft, bloß weil sie sich im komplizierten Steuerrecht nicht auskennen?

Ulrike Mascher jedenfalls argumentiert so ähnlich. Die Präsidentin des Sozialverbandes VdK warnte in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung davor, "jemanden zu kriminalisieren"; sie rechnete vor, dass für Rentner "vierstellige Summen" an Nachzahlungen zusammenkommen könnten; und auf die Frage, ob sie Proteste erwarte, sagte sie: "Ich kann mir vorstellen, dass das Thema die Abgeordneten beschäftigen wird, wenn sie Briefe von den Betroffenen bekommen oder in den Zeitungen zahlreiche Leserbriefe dazu sehen."

Seltsam ist nur: Niemand hat die Rentner kriminalisiert, bevor Ulrike Mascher vor ihrer Kriminalisierung warnte. Nur die VdK-Präsidentin kommt auf "vierstellige Summen" an Nachzahlungen, mit denen die Rentner "überzogen" werden könnten. Und "Briefe an Abgeordnete" kann man natürlich ganz wunderbar per Zeitungsinterview einfordern – um dann die eigene Prognose von der bevorstehenden Protestwelle bestätigt zu sehen.

Ulrike Mascher saß zwölf Jahre lang als Abgeordnete für die SPD im Bundestag. Im ersten Kabinett von Gerhard Schröder, von 1998 bis 2002, war sie Parlamentarische Staatssekretärin im Arbeitsministerium. In dieser Zeit entwickelte Arbeitsminister Walter Riester die Riester-Rente; die Altersvorsorge und der Umbau des Rentensystems waren ein wichtiges politisches Thema. Ulrike Mascher kennt sich also aus.

Wer sich nicht so sehr auskennt, sollte Folgendes wissen: Drei Viertel der Rentner zahlen in Deutschland überhaupt keine Steuern. Die steuerfreie Jahresrente beträgt für Alleinstehende rund 19.000 Euro, für Verheiratete verdoppelt sich der Betrag. Nachzahlungen betreffen also vor allem jene, die Zusatzeinkünfte haben, etwa aus einer Betriebsrente.

Wer dem Finanzamt deswegen nun Geld schuldet, kann allerdings die Stundung des Betrags beantragen. Eine pauschale "Bagatellgrenze" von 500 Euro, unterhalb derer die Betroffenen gar nichts nachzahlen müssten, lehnt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück (SPD) zwar ab. Allerdings: Laut Abgabenordnung kann die Steuerschuld in extremen Härtefällen sogar ganz erlassen werden.

Das Finanzministerium hat unterdessen angekündigt, bei den Kontrollen von Oktober an "mit Augenmaß" vorzugehen. Wer die dünne Personaldecke in den deutschen Finanzämtern kennt, kann das freilich auch so interpretieren: Manche Rentner, die eigentlich Steuern nachzahlen müssten, werden vom Fiskus womöglich nie etwas hören.