Karl-Heinz Kurras war als DDR-Agent unwichtig, aber im Westen, genauer für Achtundsechzig, spielte er nun einmal seine Rolle. Solche Fragen, die die alte Bundesrepublik betreffen, werden in den kommenden Jahren noch oft an die Stasi-Unterlagenbehörde herangetragen werden. Marianne Birthler wiegelt jedoch in Sachen Westforschung regelmäßig ab. Dabei weiß sie den Gesetzgeber, der der Behörde genau umrissene Aufgaben zugewiesen hat, hinter sich. Als Leiterin einer nachgeordneten Bundesbehörde handelt sie korrekt – in der Sache liegt sie jedoch falsch. Sie müsste ihre Behörde gesamtdeutsch ausrichten, anstatt sich hinter ihrer Ost-Symbolik zu verstecken.

Die Opferanfragen werden in den kommenden Jahren abnehmen. Auch die "Regelanfrage", durch die ehemalige Stasimitarbeiter aus dem öffentlichen Dienst herausgehalten werden sollen, läuft 2011 aus und wird nicht verlängert. Die Bedeutung der Stasiakten liegt längst woanders: Nach zwanzig Jahren deutscher Einheit sind sie unverzichtbares Material einer umfassenden Zeitgeschichtsschreibung.

Die Arbeit der Behörde aus dem Parteien- und Meinungsstreit heraushalten zu wollen ist daher eine Illusion. Wer sie auch immer leitet, steht mitten in der politischen Auseinandersetzung, hat aber kein Mandat, politische Bewertungen vorzunehmen. Das ist ein Konstruktionsfehler. Der Bundestag hat die Zukunft dieser Einrichtung geregelt. In der kommenden Legislaturperiode wird eine Expertenrunde eingesetzt, die neue Arbeitsaufträge formuliert. Sie wird auch empfehlen, wie der Aktenbestand ins Bundesarchiv überführt werden soll. In der darauffolgenden Legislatur, also nicht vor 2015, wird das Parlament über die nötigen Änderungen im Stasi-Unterlagengesetz und im Archivgesetz beschließen. Erst danach wird die Behörde abgewickelt, was nicht heißt, sie verschwände klanglos. Betroffene erhalten wie bisher Zugang zu den Akten. Weder werden die Akten nach Koblenz verbracht noch die Mitarbeiter entlassen. Und Frau Birthlers Amtszeit endet 2011.

Langsam keimt der Wunsch, auch den Schmutz der alten BRD zu kennen: Wie weit reichten die Kenntnisse der westdeutschen Dienste über Stasioperationen im Westen? Was war mit Barschel oder Schalck-Golodkowski wirklich los? Was war mit den Kontakten zum palästinensischen Terrorismus in den Siebzigern? Wusste man über den Aufenthalt der RAF-Mitglieder in der DDR Bescheid?

Das Stasi-Erbe wird von 2017/18 an zwar im Prinzip zugänglich sein, weil es dann rechtlich den Akten der Partei und der Massenorganisationen gleichgestellt ist, aber durch Verletzung der Privatsphäre erhobene personenbezogene Daten bleiben auch in Zukunft gesperrt. Niemand wird dann mehr unbeschränkten Zugang haben, auch nicht die bisher privilegierten Haushistoriker von Frau Birthler. Entsprechend groß ist dann der Ermessensspielraum der Bundesarchivare.

Das Bundesarchiv wird also nicht per se die Erwartung all jener erfüllen, die für eine freie, umfassende zeitgeschichtliche Forschung plädieren. Dazu müssten die Akten heute schon in Richtung auf Westforschung erschlossen und ausgewertet werden. Denn inzwischen treten die eklatanten zeithistorischen Lücken ins Bewusstsein, die in der Geschichtsschreibung der alten BRD klaffen. Ihre vier Jahrzehnte waren von Skandalen und Affären zerfurcht, oft genug markierten diese politische Weichenstellungen.

Die Antwort auf Fragen wird nicht im Bestand der Birthler-Behörde allein zu finden sein, aber womöglich liegen dort Hinweise. Denn die Akten von Verfassungsschutz und BND und viele der bundesrepublikanischen Ministeriumsakten werden immer noch unter Verschluss gehalten, als gäbe es etwas zu verbergen. Anders als in anderen demokratischen Nationen gilt in Deutschland nicht die Frist von dreißig Jahren, nach deren Ablauf Dokumente für die Forschung frei verfügbar sind. Innenminister Schäuble hatte 2006 versucht, mit einer neuen "Verschlusssachenanordnung" mehr Transparenz zu ermöglichen. Aber das haben die Institutionen weitgehend zu unterlaufen vermocht.