"Zeit und Raum sind gestern gestorben", schrieb Filippo Tommaso Marinetti in seinem atemlosen Manifest des Futurismus. 100 Jahre sind seither vergangen, echte Zeit also, die entgegen Marinettis Behauptung einfach weiterlief. Der Vordenker der Futurismus-Bewegung wollte vor allem seine Bewunderung für Kommunikations- und Verkehrstechnik zum Ausdruck bringen, für Ingenieurleistungen, die Zeit und Raum in der Wahrnehmung schrumpfen lassen. Umso erstaunlicher, dass auch Futuristen eifrig Postkarten schrieben. Musste das Medium nicht schon damals neben Telegrafen und Fernsprechern altmodisch gewirkt haben? Postkarten in ihrer stillen Bescheidenheit wollen nicht so recht zum aufgekratzten Futurismus passen.

Im Salzburger Auktionshaus Markus Weissenböck wird am 8. August, mitten in der Urlaubssaison also, ein ganzer Stoß von futuristischen Ansichtskarten versteigert. Sie sind Teil eines größeren Konvoluts aus einer Privatsammlung: über 500 Karten, mit denen die Avantgarden des frühen 20. Jahrhunderts sich gegenseitig frohe Ostern wünschten, über Ausstellungen informierten und zu Künstlerfesten einluden. Egal, ob Bauhaus, Wiener Secession oder eben Futuristen – sie alle erkannten in dem niedlichen Informationsträger einen willkommenen Anlass, Bilder herzustellen und Ideen zu verbreiten.

Als besonders anrührendes Exemplar versteigert das Auktionshaus eine bemalte Karte von Giacomo Balla, einem der bekanntesten Künstler des Futurismus. Er grüßte damit 1921 seinen jüngeren Kollegen Fortunato Depero, mit dem gemeinsam er auch ein eigenes Manifest verfasst hatte. Darin empfahlen die beiden eine ganz neue Agitationsform: "die phono-kinetico-plastische Reklame" – und wählten dafür die allbekannte schlichte Postkarte.

Das beidseitig mit dynamischer Abstraktion und Schlagwörtern bemalte Minigemälde, das nun 5000 Euro einbringen soll, erweckt nicht den Eindruck, dass der Maler das seit 1870 verbreitete Kommunikationsmittel als eine Notlösung ansah, die mit dem Fortschritt hinfällig wird. Balla und Depero, der als erster Futurist Postkunst produzierte, bemalten die versendbaren Bildträger oder zerschnitten sie gar, um sie neu zusammenzusetzen. Hier "starb" Zeit, so könnte man sagen, weil sich Künstler Zeit nahmen.

"Wir haben schon die ewige, allgegenwärtige Geschwindigkeit erschaffen", hatte Marinetti geschrieben, der in Ballas Augen etwas zu ernst und großspurig auftrat. 100 Jahre später ist die Postkarte ein Nischenmedium, und in E-Mails und sozialen Netzwerken werden Statusmeldungen in Sekunden für alle angeschlossenen Empfänger sichtbar. Die raum- und zeitlose Allgegenwart ist irgendwann vielleicht tatsächlich keine Utopie mehr.