Die berühmteste Zadek-Inszenierung von allen ist der Othello am Hamburger Schauspielhaus (1976). Wer von dieser Aufführung je gehört hat, erinnert sich, dass Othello mit schwarzer Farbe bedeckt war, die bei der Berührung mit anderen Menschen abfärbte. Wenn Othello also seine weiße Frau Desdemona umarmte und später erwürgte, so wurde Othello dabei ein wenig weißer und Desdemona ein wenig schwärzer.

Auf diesen eigentlich blöden, aber schlagenden Theatereinfall hatte Zadek eine Werbetafel aus dem 19. Jahrhundert gebracht. Die Werbung bestand aus zwei Bildern. Auf dem ersten sah man ein schwarzes Baby, welches in einen Topf mit Seife gesteckt wurde. Auf dem zweiten Bild wurde das Baby aus dem Topf herausgehoben und war nun weiß. Zadek hatte diese Werbung nie vergessen, die suggerierte, dass Hautfarbe mit Schmutz zu tun hat und dass sie "abgeht", wenn man die richtigen Laugen verwendet. Er hatte die Werbung nur weitergedacht: Was wird aus der abgewaschenen schwarzen Farbe? Bleibt sie in der Welt? Färbt sie ab auf die Wäscherin?

Aus solchem Wasser wie jenem, in welchem das schwarze Baby gewaschen worden war, holte Peter Zadek viele seiner großen Inszenierungen: aus den Laugen der Verdrängung und Beschönigung, aus dem Abwasser ritueller gesellschaftlicher Waschungen, aus dem Brauchwasser der Hochkultur. Zadek hat das vermeintlich Schöne, Reine, Ausgewogene stets verabscheut, er hat der makellosen Komposition die hudlig-schludrige vorgezogen, sofern es sich, wie er sagte, um Schludrigkeit von hoher Qualität handelte.

Er war der Regisseur, der floh, wenn man ihn auf einen Stil festlegen wollte; er lachte, wenn man ihm eine "Handschrift" andichtete; er bekam Atemnot, wenn in seiner Nähe Perfektion drohte.

Ein Zadek-Rezept lautete: Nimm nicht den Schauspieler, der sich mit deiner Vorstellung von der Rolle deckt, sondern den, der die Rolle am dringendsten will. Nimm den als Hamlet, dem "zwei Zentimeter" (Zadek) zum Hamlet fehlen. Ein anderes Zadek-Prinzip war das der Störung, der unreinen Mischung: Nimm einen ins Ensemble, der nicht hineinpasst. Er brauche immer einen "ganz schlechten Schauspieler oder Nicht-Theatermenschen", so Zadek, "jemanden, an dem man messen kann, wie Menschen sind." Denn das, offenbar, lässt sich am Schauspieler irgendwann nicht mehr messen, wenn er zu sehr Schauspieler, wenn er zu souverän geworden ist: wie denn die Menschen sind. Zadek hat diese Grundfrage immer wieder gestellt. Sie wurde ihm, einem von Langeweile geplagten Mann, zum Grund aller Neugier; sie hat ihn zu einem der größten Regisseure gemacht.

Peter Zadek wurde am 19. Mai 1926 in Berlin als Sohn eines jüdischen Kaufmanns geboren. 1933 emigrierten seine Eltern mit ihm nach England. Zadek studierte Deutsch und Französisch in Oxford, und er ließ sich zum Regisseur ausbilden an der Londoner Old-Vic-School.

Er arbeitete als Filmcutter und Fernsehregisseur bei der BBC und machte 1947 seine erste Theaterregie in London, Salome von Oscar Wilde. Die Aufführung fiel durch, und Zadek ging in die Provinz, nach Wales, wo er die Ochsentour des englischen Theaters kennenlernte: andauernder Ausstoß von Inszenierungen, Zwang zur hohen Unterhaltsamkeit, nicht lang fragen, sondern: spielen. Er arbeitete besessen, doch er fühlte sich in England immer fremd, und als er 1958 nach Deutschland zurückkehrte, ging es ihm dort genauso. Aber im Land derer, die ihn vertrieben hatten und ermordet hätten, wenn sie ihn zu fassen bekommen hätten, fand er bessere Arbeitsbedingungen und jene Art von Spannung, die er brauchte.