Was hätte eigentlich Obama aus Ulla Schmidt gemacht? Wie wäre der Wahlkämpfer Obama einen so verzwickten Fall wie den einer Mitstreiterin angegangen, auf die er einerseits angewiesen ist und die ihn andererseits mit ihrer Dienstwagennutzung im Urlaub in die Bredouille bringt? Weil Obama mit seinem sagenhaften Aufstieg zu amerikanischer Macht und weltweitem Ruhm unvergleichlich scheint, wird schnell übersehen, was auch ganz normale Politiker von ihm lernen können, Politiker wie Frank-Walter Steinmeier zum Beispiel.

Drei Entscheidungen musste Steinmeier in diesen Tagen treffen, aber nur bei einer war er völlig frei. Nur bei einer musste der SPD-Kanzlerkandidat keinen Regional-, Alters- und Frauenproporz beachten (wie bei der Zusammenstellung seines Kompetenzteams) oder sich auf Experten stützen (wie bei seinem Deutschlandplan für vier Millionen neue Arbeitsplätze): Die Entscheidung über Ulla Schmidts Schicksal lag allein in seinen Händen – und wie er sie getroffen hat, war wahrscheinlich die einzige Probe auf seine Führungskraft, die wir bis zur Bundestagswahl in gut sechs Wochen zu sehen bekommen. Auch wenn der Fall Schmidt bereits wieder halb unter neuem Ereignismüll begraben ist, bleibt er Steinmeiers Stunde der Wahrheit.

Und natürlich gehörte die Situation zu den vertracktesten Entscheidungen im Leben eines Politikers, denn es war abzusehen: Egal, wie er sich entscheiden würde, die Entscheidung wäre womöglich falsch. War Ulla Schmidt wegen ihrer Dienstwagennutzung im Urlaub untragbar geworden? Oder hatte die Ministerin in Nöten die Solidarität der Sozialdemokraten verdient? War der Skandal Ulla Schmidt oder der Umgang mit ihr?

Was hätte Obama getan? The One, den Einen, nannten überenthusiastische Anhänger den Kandidaten Obama, und Kritiker spotteten über den schwarzen "Messias". Und tatsächlich verfügt er über Qualitäten, die einem Politiker nur der liebe Gott und die eigenen Eltern mitgeben können: Charisma, gutes Aussehen und eine Begabung für große Worte. Aber seine große Stärke, sein ganz besonderes politisches Kapital hat Barack Obama sich in den Monaten seines Wahlkampfes selbst erarbeitet: seine Glaubwürdigkeit.

Frank-Walter Steinmeier wurde nur in hämischer Absicht mit Obama verglichen

Steinmeier hatte den Vergleich mit Obama in der Frühphase seiner Kandidatur selbst leichtfertig gesucht und wurde seitdem – meist mit hämischer Absicht und unschönem Ergebnis – an dessen messianischen Eigenschaften gemessen. Doch so wenig Obamas Charisma kopierbar ist, so sehr können Politiker von ihm lernen, was Glaubwürdigkeit schafft. Die Alternativen, vor denen er steht, unterscheiden sich nicht von denen eines jeden anderen Staatsmanns: Weichen oder Stehen, Ja sagen oder Nein. Aber bereits lange bevor Obama am 4. November vergangenen Jahres zum US-Präsidenten gewählt wurde, hat er die Wähler herausgefordert, er hat ihnen seine Meinung gesagt, auch da, wo er wusste oder befürchten musste, dass sie anderer Ansicht waren. Er hat mit einem Imperativ gebrochen, der in der propaganda-verseuchten Politiklandschaft der USA noch kategorischer gilt als in Europa: Widersprich nie deinem Wähler!

Die Zyniker unter den Spindoktoren sagen, die Welt wolle betrogen sein, und die Imageberater raten zum Schlängelkurs, wenn der Skandal erst einmal Fahrt aufgenommen hat, wenn der Boulevard eifert und die Waagschalen der Fokusgruppen sich gefährlich neigen. In dieser Situation befand sich Steinmeier. Als Frontmann der SPD hätte er seine Parteifreundin zum Rückzug zwingen oder er hätte ihr die Stange halten können. Stattdessen schlug er einen Mittelweg ein, wo keiner war: Er hat Ja und Nein zu Ulla Schmidt gesagt, er hat sie entlassen und behalten, aus seinem Kompetenzteam musste sie weichen, für das Bundeskabinett aber soll sie noch gut genug sein.

Barack Obamas Ulla Schmidt hieß Jeremiah Wright. Was Obama in vergleichbarer Lage anders machte als Steinmeier, zeigt der Fall seines radikalen Hauspastors aus dem vergangenen Jahr. Als ihn der schwarze Pastor, der seine Ehe geschlossen und seine Töchter getauft hatte, im Wahlkampf mit hetzerischen Bemerkungen bei weißen Wählern in Bedrängnis brachte, brach der Kandidat mit dem ehernen Prinzip der Wahlkampfstrategen, vermeintlich unkontrollierbaren Kontroversen aus dem Weg zu gehen.