Nach zwei Monaten politischen Aufruhrs ist Mahmud Ahmadineschad für weitere vier Jahre in sein Amt als Staatspräsident der Islamischen Republik Iran eingeführt worden. Aber die Opposition, angeführt vom Gegenkandidaten Mir Hussein Mussawi, hat seit Ahmadineschads möglicherweise betrügerischem Wahlsieg an Boden gewonnen. Grund sind die vom Volk ausgehenden Unruhen, aber auch eine zunehmende ideologische Kluft in der iranischen Elite, zwischen Hardlinern und Reformern oder Pragmatikern. Sogar im konservativen Lager selbst bröckelt die Fassade der Einigkeit. Das bedeutet nichts Gutes für den angeschlagenen Präsidenten. Seine politische Zukunft wird von seiner Fähigkeit abhängen, klug durch stürmische Gewässer zu steuern. Allerdings legen Ahmadineschads auf Konfrontation ausgerichtetes Wesen und seine umstrittene erste Amtszeit die Vermutung nahe, dass die nächsten vier Jahre nicht viel mit einer ruhigen Fahrt zu tun haben werden.

Ahmadineschad war lange vor dem Beginn der Auseinandersetzungen um seine Wahl in politischen Schwierigkeiten. Er hatte versprochen, die Früchte des Ölreichtums im Lande gerechter zu verteilen. Aber seine inflationistische Wirtschaftspolitik hat ihm das Misstrauen sowohl der Durchschnittbürger als auch der Elite eingebracht. Führende iranische Ökonomen haben ihn vor den schädlichen Folgen seiner Politik gewarnt.

Während die Konservativen früher geschlossen hinter Ahmadineschad standen, sind sie heute in zwei Lager gespalten – die »Vereinigte Front der Prinzipientreuen«, die den Präsidenten weiterhin verteidigt, und die »Breite Koalition der Prinzipientreuen«, die von Ali Laridschani, dem ehemaligen Atom-Chefunterhändler und jetzigen Sprecher des iranischen Parlaments, repräsentiert wird. Diese Gruppierung, die von der alten Garde der Konservativen dominiert wird, hegt starke Zweifel an Ahmadineschads konfrontativer Außenpolitik und seiner expansiven Wirtschaftspolitik. Tatsächlich gab es vor der Wahl Spekulationen, ob Ahmadineschad überhaupt den Segen von Religionsführer Chamenei für seine Kandidatur bekommen würde. Erst in der Hochphase des Wahlkampfs haben die Konservativen entschieden, sich lieber hinter Ahmadineschad zu versammeln, als eine weitere Spaltung oder eine Wahlniederlage zu riskieren. Inmitten der Nach-Wahl-Krise war diese Einigkeit allerdings nur von kurzer Dauer. Bald musste Ahmadineschad sich gegen neue Herabwürdigungen von konservativer Seite zur Wehr setzen.

Er hatte versucht, Esfandiar Rahim Mashaei, den Schwiegervater seiner Tochter, zum Ersten Vizepräsidenten zu machen. Mashaei hatte im vergangenen Jahr mit freundlichen Äußerungen über das israelische Volk den Zorn der Konservativen erregt. Obwohl die Hardliner über die Ernennung vor Wut schäumten, ignorierte Ahmadineschad die Proteste und beugte sich erst spät Chameneis Befehl, auf Mashaei zu verzichten. Die Konservativen haben es in der Vergangenheit mehrfach darauf angelegt, Ahmadineschads unabhängiges Naturell zu zähmen, und gefordert, dass er sich der Autorität des Religionsführers zu unterwerfen habe. Auseinandersetzungen mit dem Präsidenten könnte Chamenei nutzen, um dem Eindruck schwindender politischer Autorität als neutraler Schiedsrichter entgegenzutreten.

Besonders herablassend wurde Ahmadineschad von Ajatollah Ahmad Dschannati, dem Vorsitzenden des mächtigen Wächterrates, behandelt, der in seiner Freitagspredigt das unehrerbietige Benehmen des Präsidenten geißelte. Der Parlamentssprecher publizierte einen offenen Brief der Volksvertretung, in dem der Präsident davor gewarnt wurde, dass es ihm womöglich wie Ministerpräsident Mossadegh und Staatspräsident Bani Sadr ergehen könnte. Mossadegh wurde 1953 nach einem Coup der CIA abgesetzt, Sadr wurde aus dem Amt gedrängt, nachdem er die Gunst von Ajatollah Chomeini verloren hatte. »Es sieht so aus, als ob Sie als Einziger reden wollen und nicht daran interessiert sind, andere Stimmen zu hören«, heißt es in dem Brief. »Deshalb ist es unsere Pflicht, Ihnen die Stimme des Volkes zu überbringen.« Als Antwort auf die Spekulationen hat Ahmadineschad Chamenei seiner Loyalität versichert und erklärt, dass sein Verhältnis zu dem obersten Führer einer »Vater-Sohn-Beziehung« ähnele.

Die erbitterte Auseinandersetzung mit den Konservativen hat Ahmadineschad zu einem Zeitpunkt getroffen, an dem er bereits alle Hände voll damit zu tun hat, einen Angriff vom anderen Ende des politischen Spektrums abzuwehren – von der reformwilligen Opposition, die seine Präsidentschaft für illegitim hält. Mir Hussein Mussawi und seine »grüne« Bewegung haben sich als unerwartet ernst zu nehmender politischer Gegner erwiesen. Der Vorwurf, die politischen, sozialen und bürgerlichen Rechte der Iraner zu missachten, bleibt ein Stachel in Ahmadineschads Fleisch, ebenso die Welle von Verhaftungen, Razzien und Todesfällen. Bekannte Reformer wie die ehemaligen Präsidenten Rafsandschani und Chatami haben ebenfalls die Rechtmäßigkeit von Ahmadineschads Handeln infrage gestellt. Chatami hat einen Volksentscheid über das umstrittene Ergebnis der Präsidentschaftswahlen gefordert.

Genauso umstritten ist der Prozess gegen mehr als 100 Oppositionelle, denen vorgeworfen wird, im Umfeld der Wahlen Unruhe gestiftet und mit fremden Mächten zusammengearbeitet zu haben. Viele der Angeklagten sind prominente Reformer, ehemalige politische Beamte und Journalisten, die aktive Teilnehmer und Unterstützer der Revolution von 1979 waren. Während die Konservativen den Prozess als Versuch sehen, die ausweglose politische Situation und die Proteste, die das Land überziehen, mithilfe eines Schauprozesses schnell zu beenden, vergrößert die Gerichtsverhandlung in Wirklichkeit bloß die Kluft zwischen den verschiedenen politischen Lagern. Die Konservativen haben den Ruf nach nationaler Versöhnung ignoriert. Sie sind gewaltsam gegen Demonstranten vorgegangen, um ihre schwindende Autorität wiederherzustellen.