Zuerst die gute Nachricht: Wir gratulieren Michael Mann zu seinem inzwischen dritten Versuch (nach Collateral und Miami Vice), der digitalen High-Definition-Technik in einer Hollywood-Großproduktion eine eigene Ästhetik abzuringen. In den ersten Bildern seines Gangsterfilms Public Enemies wird man Zeuge eines erstaunlichen Effekts. Die Kostüme, Autos und Waffen der dreißiger Jahre werden durch die hochauflösende Optik und eine nervöse Kamera in eine Art Hypergegenwart befördert. Man erlebt den legendären Bankräuber John Dillinger (Johnny Depp) bei einem blutigen Gefängnisausbruch. Die Dynamik von Kamera und Montage verschmilzt mit der Dynamik und brutalen Entschlossenheit der Figur. Die Energie der Szene setzt sich fort in einer Verfolgungsjagd, bei der Dillingers Gegenspieler, der Polizist Melvin Purvis (Christian Bale), einen Kriminellen in einem Wald erschießt, man könnte auch sagen: erlegt.

Wie schon in Heat mit Al Pacino und Robert De Niro geht es auch hier um zwei Männer, die auf gegensätzlichen Seiten kämpfen, in zwei Welten, die einander letztlich nicht unähnlich sind. Doch anders als in Heat, der die Seelenverwandtschaft der beiden Kontrahenten bis hin zur Sentimentalität zelebriert und seine Helden in Liebes- und Familiengeschichten verwickelt, enthält sich Michael Mann in Public Enemies jeglicher Psychologisierung. Stattdessen feiert er den Look seiner Helden mithilfe einer detailbesessenen HD-Technik, die jeder Bartstoppel, jeder Schweißpore und jeder wehenden Mantelfalte ihren Auftritt gibt. So werden Dillinger und Purvis zu wandelnden Oberflächenreizen, eingebettet in die Insignien ihrer Zeit und ihres Kinogenres: glänzende Schnellfeuerwaffen, elegante Hüte und Anzüge sowie die strengen Linien der Chicagoer Architektur der zwanziger Jahre.

Und hier kommt denn auch die schlechte Nachricht: Michael Mann gelingt es mit dieser Optik zwar, die Vergangenheit zu vergegenwärtigen. Nur weiß er nicht, was er mit dieser Vergangenheit anfangen soll. Dabei schwingen in Dillingers Gangsterkarriere durchaus Themen mit, die in unsere Gegenwart hineinragen: Der von Edgar J. Hoover, dem Chef des Bureau of Investigation (später FBI), ausgerufene war on crime führte zu einer Kettenreaktion krimineller und staatlicher Gewalt und zu einer Verrohung der Polizeimethoden. Dem Film ist diese Parallele nicht mehr als eine effektverliebte Szene wert, in der Dillingers Freundin (Marion Cotillard) mit Schlägen zum Reden gezwungen werden soll. Dillinger raubte die Banken zur Zeit der Großen Depression aus, einmal erbeutete er bei einem Überfall nur einen Hungerlohn. Bei Michael Mann ist das angeschlagene Amerika eine ausgemergelte Farmersfrau, aufgenommen im Stil des Depressionsfotografen Walker Evans.

Über diese Zeitbezüge surft Michael Mann souverän hinweg und verweigert das Eintauchen in jede Art von historischer oder sozialer Tiefe. Auch sein Hauptdarsteller Johnny Depp spielt Dillinger mit einer verschlossenen Nüchternheit, die bloß keinen Einblick in die Gangsterseele geben soll. Aber wofür das alles? Für einen Film über John Dillinger, der nichts Wesentliches über John Dillinger erzählt, nicht besonders spannend ist und dem Genre des Gangsterfilms zwar eine eigene Ästhetik, aber keine Vision abgewinnt. Public Enemies mag ein buchstäblich aufsehenerregendes Werk sein, das aber folgenlos und ohne größere Rückstände durch die Synapsen gleitet.