Am ersten Abend im Großen Salzburger Festspielhaus saß vor dem Rezensenten eine jener wohlhabenden und faltenfrei operierten Amerikanerinnen, die jedes Jahr zum sommerlichen Salzburgbild gehören wie die Fiaker am Residenzplatz. Bis der Dirigent die Bühne betrat, schilderte sie ihrem Sitznachbarn freudlos die Vorzüge von Luxushotels in Vermont. Nach der ersten Pause hatte sie genug gesehen, ihr Platz blieb leer. Am zweiten Abend saß neben dem Rezensenten ein Spanier im Smoking, der, immer wenn er aus dem Theaterschlaf erwachte, seiner Gattin mit einem klappernden Fächer frische Luft zuwedelte. Und am dritten Abend vernahm der Rezensent auf dem Weg in die Pause den Dialog eines deutschen Besucherpaares. Sie: "Ich bin positiv überrascht!" Er: "Ja, aber eigentlich haben wir doch schon alles gesehen. Lass uns gehen."

Manchmal kommen einem die Salzburger Festspiele vor wie das Paris zur Restaurationszeit, das Stendhal in seinem Roman Rot und Schwarz beschreibt – eine Mischung aus gezierter Etikette und hohler Konversation: "Trotz des guten Tons, der ausgesuchten Höflichkeit und des Wunsches zu gefallen, war die Langeweile auf allen Gesichtern zu lesen…" In der Hofstallgasse vor den Festspielhäusern nimmt sich der Geldadel bei Mozart, Händel und Rossini auch in diesem Jahr frei von allen Krisen. Immer mehr Champagnertränken werden aufgebaut, die Nachfrage ist groß.

In eine solche Feier der Selbstgenügsamkeit platzt Luigi Nonos Musiktheaterwerk Al gran sole carico d’amore ("Unter der großen Sonne, von Liebe beladen") wie ein Räumungsbefehl. Das Stück stammt aus den politisch bewegten siebziger Jahren. Es ist eine in Mark und Bein fahrende Anklage wider die sozialen Ungerechtigkeiten dieser Welt. Es ist Hören wie Denken extrem herausfordernde Neue Musik. Und die verwendeten Textfragmente umweht der Brandgeruch von Umsturz und Barrikadenkampf, sie kreisen um revolutionäre Befreiungsbewegungen von der Pariser Kommune über Kuba bis Vietnam.

Der Intendant der Salzburger Festspiele, Jürgen Flimm, war 1978 der Regisseur der deutschen Erstaufführung von Al gran sole. Seitdem träumt er davon, noch einmal eine Produktion der Oper zu ermöglichen. Mehr als eine Handvoll Neuinszenierungen hat es seit der Uraufführung in Mailand nicht gegeben, immens ist der technische wie künstlerische Aufwand. Aber in diesem Jahr hat Flimm endlich sein geliebtes Nono-Projekt in Salzburg realisiert. Er musste es, wie er sagt, gegen heftige Widerstände in den Gremien durchsetzen. Das neukonservative Salzburg erkennt im zeitgenössischen Musiktheater nur das Teure und Schwierige. Für Flimm hingegen geriet die Al gran sole-Produktion zu einer Frage der künstlerischen Selbstachtung, denn in seinen ersten beiden Amtsjahren ist er viele Starrummelkompromisse eingegangen. Nach der Premiere darf er sich bestätigt fühlen: Einen packenderen, ausdrucksdichteren Musiktheaterabend hat man in Salzburg seit Jahren nicht erlebt. Nono (1924 bis 1990) ist Gegengift wider den lähmenden Salzburger Ennui. Der Ernst, der seiner Musik innewohnt, das bohrende Beharren auf den letzten Fragen nach Kunst und Leben tun den Festspielen mehr als gut. Und in die Felsenreitschule mit ihrem naturgemauerten Welttheateranspruch passt das Riesenopus sowieso.

Als terrassenförmig gegliederte Klanglandschaft erstreckt sich der monumentale Aufführungsapparat über die ganze Bühnenbreite, von den hohen Podesten der Perkussionsbatterie, dem wellenförmig aus dem Graben ragenden Orchester, den in der Raummitte aufgereihten Gesangssolisten bis zu den beiden wie eine schwarze Wand im Hintergrund gruppierten Chören und einem Himmelsportal aus Metallklangplatten auf der Galerie. Der Dirigent Ingo Metzmacher gebietet über all das mit einer bewundernswerten Souveränität und Gelassenheit. Er verleiht diesem Nono-Abend außerordentliche Ruhe, Konzentration, Transparenz. Man hat das Werk von anderen Aufführungen aggressiver, hitziger und expressiv auffahrender in Erinnerung. Metzmacher flutet es mit einer großen Wärme, als habe er sich das Eingangszitat des Stückes besonders zu Herzen genommen: "Schönheit und Revolution sind kein Widerspruch."

Dunkel und bronzen ist der Klang der Wiener Philharmoniker, mehr raumfüllend als das Ohr attackierend singt der Wiener Staatsopernchor. Gewiss weiß Metzmacher genau, wann er Nonos Anklageton schneidend zuspitzen muss, etwa im vernichtenden Lärm der macchina repressiva, der "Repressionsmaschinerie", die im Schlagwerk dröhnt, aber viel mehr interessiert er sich für den seraphischen Gesang der Sopransolistinnen. Den rückt er leuchtend ins Zentrum seiner Interpretation: Engelshaarfein gesponnene Töne schwingen sich in schier utopische Höhen auf und werden von Elin Rombo, Anna Prohaska, Tanja Andrijic, Sarah Tynan und Virpi Räisänen bar jeder Materialität gleichsam unter dem Dach der Felsenreitschule deponiert. Bei Nono steht solcher Gesang für die ungebundene, über alle Daseinsgrenzen hinweg wirkende Kraft der Menschenliebe. Ein glühendes Hoffnungsklangzeichen, das sein gesamtes Œuvre durchzieht.

Ingo Metzmachers schönheitstrunkene Salzburger Al gran sole-Deutung liegt ganz auf der Rezeptionslinie, auf der die Nono-Großwerke heute wahrgenommen werden – als unendlich differenzierte, zwischen Hoffnung, Anklage und Trauer sublim ausbalancierte Passionsmusiken, die mehr vom Scheitern an den politischen Verhältnissen handeln als von revolutionärem Aufbruch. Auch wenn montierte Texte von Gorkij bis Brecht, Marx bis Fidel Castro und Antonio Gramsci auf den ersten Blick etwas anderes suggerieren: Eine optimistische Klassenkampfoper war Al gran sole nie. Die Nono-Weggefährten Klaus Zehelein und Helmut Lachenmann haben auf einer Begleitveranstaltung zur Salzburger Premiere ein treffendes Bild dafür gegeben, welche Funktion den linkskämpferischen Textfragmenten im Werkkontext zukommt: Sie seien für Nono lediglich die Raketentreibsätze gewesen, die er gebraucht habe, um Höhe für seine Musik zu gewinnen. Das Agitatorische bleibe in den Stücken wie ein ausgeglühtes Triebwerk zurück. Gleichwohl: Der hohe idealistische Ton, das Pochen auf Veränderung ist in der Salzburger Aufführung höchst präsent.