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Dieses Land braucht keine Grünen, denn es ist schon grün. Von Horizont zu Horizont wogen Felder, und über sauberen Seen kreisen angeblich vom Aussterben bedrohte Vogelarten. Mecklenburg-Vorpommern ist ein Bundesland, wo die Strukturschwäche so substanziell ist, dass man sich freut, wenn mal ein paar Plattenbauten aus einer Wiese ragen. Wo Dörfer Neddemin und die Gasthöfe Räuberhöhle heißen. Auf dem selbst gemalten Reklameschild steht: Kommt rein und futtert fein!

Doch Claudia Roths Porträt lächelt unerschrocken von der Seitenfront ihres polizeigrünen Wahlkampfmobils. Rotblondes Haar, knalliger Lippenstift, überzeugende Unternehmungslust. Es ist ein heiter bis wolkiger Dienstagnachmittag in Binz auf Rügen, und der Slogan, an den die Wähler in dieser Gegend leider gar nicht glauben, lautet: "Aus der Krise hilft nur Grün!" Klägliche 300 Parteimitglieder gibt es in Meck-Pomm (die Linke hat 5900), auf der Insel sind es jetzt zehn. Die Pioniere der ersten Stunde sprechen gern von einer zweistelligen Zahl. Grün wählendes Potenzial, die Jungen, die Studierten, die Frauen, die Besserverdiener, bleibt hier nicht wohnen, sondern haut ab in den Westen. Ein gängiger Witz, den die Dagebliebenen gern erzählen, handelt von den Kaninchen, die auch schon rübergemacht hätten. Wenn sie nur wüssten, wo Westen ist. Claudia Roth aus Schwaben kommt trotzdem zu Besuch.

Vielleicht um die letzten Getreuen aufzumuntern, sie stehen mit Sonnenblumen und Wellnessgetränken erwartungsfroh vor dem Hotel Meersinn in Binz. Edith Lampert (aus dem Rheinland) trägt weißes Haar und einen geblümten Rock, Uwe Driest (auch aus dem Westen) hat graue Bartstoppeln und einen sehr großen Schäferhund. Sie duzen ihre Bundesvorsitzende auf eine unnachahmlich selbstverständliche Art.

Claudia ist plötzlich aufgetaucht, ohne große Entourage, ein bescheidener Westbesuch, der auch den Hund tätschelt, obwohl er etwas muffig riecht. Der dünne junge Mann mit der Britpop-Frisur neben ihr heißt René Gögge, ist auf der Insel geboren und war vor vier Jahren, im unerschrockenen Alter von 19 Jahren, Rügener Wahlkreiskandidat. Also der direkte Gegner von Angela Merkel. Er lebt jetzt in Hamburg und sagt, dass die Ossi-Feindlichkeit dort geringer sei als die Wessi-Feindlichkeit auf Rügen. Gögge macht auf seine stille, aber wache Art den Eindruck, als könnte er die Kanzlerin irgendwann doch noch mit friedlichen Mitteln besiegen.

Überhaupt die grün-schwarzen Unterschiede. Wie Claudia jetzt mit René, Edith und Uwe locker loszieht zur Promenade des Seebades, das ist das Gegenteil von konventionellem Sommerwahlkampf der Spitzenpolitiker. Binz ist die Metropole unter den ostdeutschen Seebädern, mit teuren Hotels, schicken Restaurants und Boutiquen, die nicht pleitegehen. Hier hat Angela Merkel im Sommer 2005 einen durchgestylten Auftritt hingelegt, mit viel Musik, vielen Claqueuren, vielen Luftballons und einer zornigen Ruckrede. Es war neoliberaler Frontalunterricht vor dem pompösen Kurhaus.

Claudia dagegen macht antiautoritäre Feriengestaltung, in weißer Hose zum marineblauen Pullover. Sie spaziert neugierig durch die Gegend und spricht das Eisdielenpublikum an: Haben Sie Urlaub? Schön! Fragt kleine Kinder, ob sie schon im Wasser waren. Claudia wirkt gar nicht spontimäßig, sondern spontan, wenn sie sich übers Seebrückengeländer beugt und sehnsüchtig sagt, Baden wäre schön.