Der See gleicht keinem anderen Gewässer: brauner träger Schlamm, durchzogen von dunklen öligen Schlieren, die Ränder teerschwarz. Es sind 400 Millionen Kubikmeter mit hochgiftigem Abwasser. Tödlich für Enten oder Gänse, die darauf landen. Vogelscheuchen in Signalorange treiben deshalb auf Bojen, alle paar Sekunden knallt eine Gaskanone, um die Tiere abzuschrecken.

Daneben: giftig gelbe Pyramiden – Schwefel, ein Abfallprodukt. Dahinter: ein drei Kilometer breiter Krater, stellenweise 100 Meter tief. Darin: gigantische Bagger, so groß wie Eigenheime, die Tag und Nacht Hunderte Tonnen dunkler sandiger Erde in ebenso gigantische Laster schaufeln. Hier wird Sand abgebaut und Bitumen – eine teerig-zähe Substanz – herausgelöst, um es in einer nahen Raffinerie zu Erdöl zu veredeln. Willkommen in Syncrude, einer der ältesten Teersandminen in Kanadas Provinz Alberta.

Umweltschützer prangern die umgepflügte, vergiftete Taiga als Inferno an. Für ExxonMobil sieht so die Zukunft aus. Barack Obama könnte Öl, das auf solche Weise gewonnen wird, demnächst verbannen.

Der weltgrößte private Ölkonzern und seine kanadische Teiltochter Imperial Oil haben im Mai in der Nähe von Syncrude ihr jüngstes Projekt begonnen. Am Kearl Lake, einem See inmitten von Tannen, Birken, Lärchen und Pappeln, eine gute Viertelstunde per Helikopter entfernt, rücken ebenfalls die Maschinen an. Sie haben schon die ersten Bäume entwurzelt und werden bald die Erdkruste abtragen. In drei Jahren soll der Tagebau den Betrieb aufnehmen. In der Endphase sollen dort Tag für Tag 300.000 Barrel Öl produziert werden. "Jedes achte Barrel Erdöl, das in Kanada gefördert wird, stammt dann von Kearl", schwärmt die Firmenbroschüre. Es wird dann am Kearl Lake genauso aussehen wie in den Kratern von Syncrude.

Kein Energiekonzern ist derart auf den Brennstoff eingeschworen wie ExxonMobil, das in Deutschland hauptsächlich für seine Marke Esso bekannt ist. Doch nun sehen sich die Texaner einem gefährlichen Gegner im eigenen Land gegenüber: Barack Obama. Der neue US-Präsident hat einen dramatischen Klimawandel für die Ölbranche eingeleitet. Der Texaner George W. Bush hatte stets als ein Freund der Ölbranche gegolten – Obama legte sich schon während des Wahlkampfes mit Big Oil an. Er werde sein Land aus der Abhängigkeit vom "dreckigen, schwindenden und gefährlich teuren" Öl führen, versprach er.

Der Kandidat Obama machte nicht einmal aus seiner besonderen Abneigung gegen Exxon einen Hehl. "Interessenvertreter der Industrie schreiben einen Scheck nach dem anderen, und Exxon fährt Rekordprofite ein", sagte er in einer Wahlkampfrede, "während ihr alle den Preis an der Zapfsäule zahlt und unser Planet auf dem Spiel steht." Kaum im Amt, holte er sich Experten in sein Regierungsteam, die sich als Kämpfer gegen die Klimaerwärmung einen Namen gemacht haben. Sein Energieminister Steven Chu hat für seine Forschung über alternative Energie sogar den Nobelpreis bekommen. Zu Obamas ersten Entscheidungen gehörte ein 60-Milliarden-Dollar-Förderpaket für "saubere Energie". Ein Viertel des US-Stromverbrauchs soll bis 2025 aus alternativen Energiequellen stammen. Er erklärte den Kampf gegen den Klimawandel zur "nationalen Priorität". Er wünscht sich ein Weltklimaabkommen. "Der Präsident ist auf Kollisionskurs mit dem größten Konzern seines Landes", sagt Stephen Kretzmann, Direktor von Oil Change International, einer branchenkritischen Institution.

Stimmt auch: Bei einer Exxon-Hauptversammlung im Mai hat der Vorstandschef Rex Tillerson gerade erklärt, die Welt sei viele Jahrzehnte von einem Abschied von fossilen Brennstoffen entfernt. Öl und Gas würden noch lange die Hauptenergiequellen bleiben – das sagen sie im Prinzip zwar alle, die großen Ölkonzerne, doch Tillerson spricht es besonders deutlich aus. "Ich habe nichts gegen große Ziele", sagte er süffisant über Obamas grüne Politik. "Aber wir sollten den Zeitrahmen realistisch halten und uns nicht selbst zum Narren machen."