Um es vorweg zu sagen: Brüder von Yu Hua ist ein epochaler Roman wie Thomas Manns Buddenbrooks oder Mitternachtskinder von Salman Rushdie, und das Buch hat seinen Welterfolg voll und ganz verdient – allein in China wurden über 1,5 Millionen Exemplare verkauft, und in Frankreich, England und den USA avancierte es bald nach Erscheinen zum Bestseller. Dabei ist Brüder kein feinsinniger, filigraner Text, sondern chaotisch und redundant, vulgär und obszön, blutig und schleimig wie eine frische Geburt. Und obwohl die minutiöse Schilderung der Grausamkeiten der Kulturrevolution selbst abgebrühte Leser auf eine harte Probe stellt, schlug der dickleibige Wälzer mich von der ersten bis zur letzten Seite in seinen Bann. Aber ich muss weiter ausholen, um dem Autor und seinem Werk gerecht zu werden.

Im Herbst 2000 traf ich auf der Sanlitun Lu, dem einzigen Ort in Peking, wo es damals schon Cappuccino gab, einen jungen Schriftsteller, dessen Englisch so rudimentär war wie mein Chinesisch. Wir sprachen über Literatur und Politik, und es dauerte lange, bis er mir mit Händen und Füßen klargemacht hatte, wer seine Lieblingsautoren waren: Li-lege, Hole-teli und Ni-texe – Rilke, Hölderlin und Nietzsche. Ich konterte mit Lu Xun, Kafka und Brecht, aber Letzterer fand keine Gnade vor den Augen des jungen Autors, genauso wenig wie die Stalinpreisträgerin Ding Ling und Ex-Kulturminister Wang Meng, während er Václav Havel für einen großen Dichter hielt. Wir einigten uns auf George Orwell, und zum Abschied überreichte mir Yu Hua – so hieß der Schriftsteller – die deutsche Übersetzung seines Romans Der Mann, der sein Blut verkaufte, mit einer chinesisch geschriebenen Widmung, deren Sinn ich erst verstand, als ich ihn Jahre später in seiner Heimatstadt Hangzhou wiedersah.

Die einstige Hauptstadt der Sung-Dynastie, laut Marco Polo die schönste Metropole der Welt, gilt im heutigen China als Kleinstadt mit "nur" 3,5 Millionen Einwohnern und ist ein beliebtes Reiseziel für Touristen aus Taiwan und Hongkong, die auf den Spuren klassischer Dichter den Westsee besuchen, eine Wiege der Seiden- und Teekultur. Hier wurde Yu Hua 1960 geboren, bevor sein Vater, ein stadtbekannter Chirurg, in der Kulturrevolution in Ungnade fiel und aufs Land verbannt wurde, wo er mit seiner Familie am Rand des Existenzminimums vegetierte. Sein Sohn wurde Zahnarzt und praktizierte mit mäßigem Erfolg, bis er sich dafür entschied, seinen Patienten aufs Maul statt in den Mund zu schauen, und Romane zu schreiben begann.

Yu Huas 1992 erschienener Erstling Leben wurde von Chinas Starregisseur Yang Zhimou verfilmt, und mittlerweile hat er sechs Essay- und drei Erzählbände sowie fünf Romane veröffentlicht, deren vorläufig letzter, die Familiensaga Brüder, für den hoch angesehenen Asia Book Award nominiert worden ist. Der nun auf Deutsch erschienene Roman, adäquat übersetzt von Ulrich Kautz, war keine leichte Geburt: Nach dem Erfolg seines Frühwerks machte Yu Hua eine Krise durch und litt jahrelang unter Schreibblockaden, bevor er in einem Schaffensrausch innerhalb von nur zwei Jahren über siebenhundert Seiten zu Papier brachte.

Im Sommer dieses Jahres sitzen wir wieder zusammen, dieses Mal auf der Terrasse des Shangri-La-Hotels mit Blick auf den im Abendlicht verdämmernden Westsee, und Yu Hua nippt vorsichtig am grünen Tee. In seinem abgetragenen Jeansanzug wirkt er nicht wie ein Bestsellerautor, dem der Erfolg seiner Bücher zu Kopfe gestiegen ist, sondern fast schüchtern: kein scharfzüngiger Intellektueller, sondern ein Mann aus dem Volk, schlicht und anspruchslos wie der "Zahnreißer" Yu, als der er sich im vorliegenden Roman porträtiert – klein, drahtig und so zäh, als hätte er die entbehrungsreiche Kindheit und Jugend seiner Protagonisten am eigenen Leib erlebt. Yu Hua ist durch eine harte Schule gegangen und so oft verbläut worden, dass er sich kein X für ein U mehr vormachen lässt: Er ist selbst ein plebejischer Antiheld wie Grimmelshausens Simplicius Simplicissimus, mit dem die Hauptfigur des Romans manches gemeinsam hat. Und sein Roman ist ein Schelmenroman, in dessen Mittelpunkt ein Bruderpaar steht, das den Terror der Kulturrevolution aus der Perspektive zweier unmündiger Kinder erlebt und hilflos mit ansehen muss, wie der Vater zum Klassenfeind degradiert und von Mitbürgern bespuckt und zu Tode gequält wird.

Auf die bluttriefende Tragödie folgt die komödiantische Farce der Reformpolitik, sprich Rückkehr zur Marktwirtschaft, gepaart mit rücksichtsloser Raffgier und hemmungsloser Selbstbereicherung. Die beiden Brüder verlieben sich in Lin Hong, eine stadtbekannte Schönheit, die dem Liebeswerben des jüngeren widersteht und nach langem Hin und Her den älteren Bruder heiratet. Der bringt es wegen seiner Rechtschaffenheit auf keinen grünen Zweig, während sein Alter Ego, genannt Glatzkopf-Li, zwar Pech in der Liebe, aber Glück im Geschäft hat und vom Leiter einer Behindertenwerkstatt zum Altwarenhändler wird und schließlich zum superreichen Tycoon, dem die Provinz zu Füßen liegt. Chinas kapitalistischer Boom fällt zusammen mit partieller Befreiung der vorher tabuisierten Sexualität, und wie in der westlichen Werbung versteht es Glatzkopf-Li, die sexuellen Sehnsüchte seiner Mitmenschen in klingende Münze zu verwandeln, die sich als Goldregen auf seinem Konto niederschlägt. Um endlich zu Geld zu kommen, versucht der ältere Bruder es dem jüngeren nachzutun: Er verlässt die schöne Lin Hong und tingelt kreuz und quer durch China mit einem Quacksalber, der Penisvergrößerungsmittel und falsche Jungfernhäutchen verkauft, bis – aber ich will das Ende der Geschichte nicht verraten.

Der Reichtum des Romans an sich überkreuzenden Themen und Motiven, ironischen Anspielungen und irrwitzigen Überdrehungen lässt sich hier nur andeuten. Da gibt es Nebenfiguren wie "Schriftsteller Liu" und "Dichter Zhao", in denen der Autor den eigenen Berufsstand karikiert, und eine Gruppe von Behinderten, die wie ein antiker Chor das Geschehen kommentieren – eine satirische Persiflage der Massenaufmärsche im kommunistischen China.