Tobias Rau ist noch einmal ins Stadion gekommen. Ein paar Tage vor dem Bundesligastart geht er durch die Arena des VfL Wolfsburg. 27 Jahre ist er alt, im besten Fußballeralter, wie es in der Branche heißt. Doch vor ein paar Wochen hat er etwas sehr Ungewöhnliches getan: Er tauschte sein Leben als Profifußballer freiwillig gegen ein Lehramtsstudium. "Ich verspürte große Lust, ein ganz normales Leben zu führen", sagt er.

Ein wenig ist seine Freundin Elsa schuld. Sie kennen sich seit dem Abitur. Er bestand wegen der Doppelbelastung als Fußballheld und Gymnasiast mit 3,7, sie war eine gute Schülerin. Als er später für Bayern München spielte, studierte sie Erziehungswissenschaften. In den vergangenen vier Jahren trainierte er für Arminia Bielefeld und besuchte Elsa danach in der Uni-Mensa. Durch sie lernte er das Studentenleben kennen.

Elsa beginnt im Frühjahr ihr Referendariat in Bielefeld, Tobias Raus Studium startet am 12. Oktober. "Schaffst du das eigentlich?", fragt ihn ein ehemaliger Mannschaftskollege, den er bei seinem Besuch in der VfL-Arena trifft. Tobias Rau sagt, dass Elsa sagt, er schaffe das auf jeden Fall, weil er so diszipliniert sei.

Wenn du als Fußballer aufwachst, ist der Leistungsdruck da!
Tobias Rau

Als er noch Profi war, stellte er sich immer einen Wecker und schlief dennoch unruhig. "Wenn du als Fußballer aufwachst, ist der Leistungsdruck da!", sagt er. Wer nicht pünktlich beim Training erscheint, könne nicht zeigen, dass er besser sei als sein Konkurrent. Sein ehemaliger Mannschaftskollege nickt.

Viele andere ehemalige Mitspieler konnten seinen Entschluss zunächst nicht verstehen. Er sei doch fit, von schlimmen Verletzungen verschont geblieben, habe Angebote aus dem Ausland, von deutschen Vereinen und hätte auch weiter für Bielefeld spielen können, hielten sie ihm vor. Tobias Rau erzählte ihnen dann, wie lange er schon daran denke, ein Studium zu beginnen. Er sprach von den Veränderungen im Fußball, von der Bedeutung des Geldes, den Beratern, der Anspannung, dem öffentlichen Druck und davon, dass jeder Profi sich nebenbei auch noch den Körper ruiniere. Nach diesen Gesprächen verstanden ihn alle.

Wenn in dieser Saison die Bundesligisten spielen, wird Tobias Rau samstags zu Hause oft auf der roten Wildledercouch sitzen. Im Fernsehen sieht er dann die Spieler sprinten; Zehntausende Fans jubeln. Vielleicht denkt er kurz daran, dass nun vollbracht ist, was in den Zeitungen stand: sein Wandel vom "Supertalent" zum "Top-Flop". Dann trinkt er vielleicht einen Schluck Bier.