Sie liest Mirabeau und Condorcet, das Geschehen um sie herum gibt ihr "gewaltig viel zu denken". Endlich darf sie Geistesmensch sein, "sind wir doch in einem höchst interessanten politischen Zeitpunkt". Freiheit und Gleichheit waren zuvor nur Schlagworte für sie. Jetzt erhalten sie Farbe und Leben. Sie fühlt mit "dem armen Bauern, der drei Tage von vieren für seine Herrschaft den Schweiß seines Angesichts vergießt". Tatsächlich engagieren sich die Landleute besonders eifrig für die Mainzer Revolution.

Doch die Tage der ersten deutschen Republik sind gezählt, das Ancien Régime schlägt zurück. Im Sommer 1793 wird Mainz bombardiert und zurückerobert; die Sieger gehen auf "Clubbistenfang". Forster, inzwischen in Paris, kehrt nicht mehr zurück; er hat noch ein halbes Jahr zu leben. Caroline will sich über Mannheim nach Gotha durchschlagen. Doch sie wird verhaftet und im Keller der Taunus-Burg Königstein interniert, "in einem Zimmer mit sieben anderen Menschen". Zwei Monate bleibt sie dort, ohne Beistand, in schrecklicher Ungewissheit. Und die kleine Auguste, gerade acht Jahre alt, ist immer dabei.

Mutter und Tochter werden schließlich ins nahe Kronberg verlegt, wo sie unter Hausarrest stehen. Eine Verbesserung der Lage, aber für Caroline noch keine Erlösung. Sie denkt an Selbstmord. "Ich hatte mir eine bestimmte Zeit gesetzt; würde ich innerhalb dieser Zeit nicht gerettet, so hätte ich zu leben aufgehört." Der Grund: Sie ist schwanger – von jenem schönen Leutnant Crancé. Sie weiß, dass, wenn ihre Schwangerschaft entdeckt wird, es mit allem ein Ende hat: mit ihrer Würde als Witwe, mit ihrer (schmalen) Pension, mit ihrem Ansehen unter den Menschen; auch wird man ihr Auguste wegnehmen. In der Frist, die sich die Verzweifelte gesetzt hat, schreibt sie einen Brief nach dem anderen, um ihre Freilassung zu erwirken. Doch ist ihr Casus heikel. Wer will schon einer Frau beistehen, die des "Jakobinertums" und der Leichtlebigkeit verdächtig ist? Wilhelm von Humboldt schüttelt den Kopf, ebenso Goethe. Schließlich schafft es Philipp Michaelis, ihr jüngerer Bruder, den richtigen Weg zu den richtigen Autoritäten zu finden. Mutter und Tochter kommen frei.

"Wie quälend muß es sein, einen solchen Schmerz verbergen zu müssen"

Und noch jemand erscheint als Retter in der Not: August Wilhelm Schlegel, inzwischen kein Student mehr, sondern wohlbestallter Hauslehrer in Amsterdam. Auch mit ihm hatte Caroline korrespondiert und ihm alles gebeichtet; er eilt herzu und hat sogar das erbetene Gift dabei, das sie jetzt nicht mehr braucht. Dieser Mann, immerhin ein abgewiesener Bewerber um ihre Hand, bringt die stille Größe auf, ihr die Hilfe anzubieten, die sie jetzt am dringendsten benötigt: Er geleitet sie an einen Ort, wo sie insgeheim entbinden kann, nach Lucka bei Leipzig, zu einem verschwiegenen "Accoucheur". August Wilhelm selbst kann nicht bleiben, er wird in Amsterdam erwartet, und so übergibt er die Sorge um Caroline seinem Bruder Friedrich.

Über den Wochen, die diese beiden 1793 in Lucka verbringen, liegt ein eigentümlicher Zauber. Der 21-jährige Friedrich verliebt sich in die neun Jahre ältere hochschwangere Frau, die er bislang nur aus Briefen kannte. Später feiert er Caroline in seinem Roman Lucinde als "Frau, die einzig war und die meinen Geist zum ersten Mal ganz und in der Mitte traf". Für Caroline, die nach ihrer Befreiung das Leben wieder willkommen heißt, ist es eine wunderbare Bestätigung, dass dieser ambitionierte, geistreiche junge Schriftsteller kein Ende finden kann beim Reden mit ihr über Gott, die Welt, Shakespeare und die Liebe.

Carolines Niederkunft verläuft schmerzensreich, aber glücklich. Söhnchen Julius – Friedrich, der jetzt abreist, nennt ihn den "kleinen Citoyen" – wird in Pflege gegeben, damals ein durchaus üblicher Umgang mit Neugeborenen. Die Mutter hat "dieses Kind der Glut und Nacht" ins Herz geschlossen, aber sie kann es fürs Erste nicht behalten, es darf ja niemand von seiner Existenz wissen. Fest entschlossen, mit Auguste ein neues Leben zu beginnen und den Kleinen, wenn dieses Leben Gestalt angenommen habe, zu sich zu holen, reist sie zu Freunden nach Gotha. Dort gilt sie als Unperson. Dresden? Göttingen? Verschlossene Stadttore. Die Frau ist, wie sie selber sagt, "ausgestoßen".

Ihr Mainzer Abenteuer, ihr Flirt mit der Republik, ihr Eintreten für die Armen, ihr ganzes selbstbestimmtes Leben und Lieben haben sie verdächtig gemacht. Caroline gilt als "pflichtvergessene Mutter", als "Franzosenliebchen", als "Kebsweib" Forsters. Wer auf sich hält, muss diese Frau schneiden. Die Rettung kommt noch einmal durch die Brüder Schlegel. Friedrich weiß: Ohne den Schutz eines Mannes, der ihr seinen Namen gibt, wird Caroline im bürgerlichen Leben nicht wieder Fuß fassen. Er selber kann eine vierköpfige Familie nicht ernähren. So drängt er kurzerhand den Bruder, "die erhabene Freundin" zu heiraten.

August Wilhelm verehrt die um einige Jahre Ältere immer noch. Außerdem hat er festgestellt, dass ihm Wissen und Sprachgefühl der Böhmerin bei seiner eigenen philologischen Arbeit, wie zum Beispiel seiner großen Shakespeare-Übersetzung, eine rechte Hilfe sein können. Caroline ihrerseits hat kaum eine Wahl. Sie geht ihre zweite Vernunftehe ein. Sie liebt August Wilhelm nicht, aber sie schätzt ihn hoch und ist ihm dankbar. Eine derart kompromittierte Frau zu heiraten setzt in jener Zeit Mannesmut voraus. Unterdessen macht sich der "kleine Citoyen" davon. Julius stirbt bei seinen Pflegeeltern an einer Infektion; auch dies ist ein nicht eben seltenes Schicksal von kleinen Kindern damals. "Wie quälend muß es sein", schreibt Friedrich einfühlsam, "einen solchen Schmerz verbergen zu müssen."