Das neue Zuhause des Ehepaars Schlegel heißt Jena. August Wilhelm hat von Schiller, der dort Professor ist, das Angebot erhalten, an der Zeitschrift Die Horen und an der Allgemeinen Literatur-Zeitung mitzuarbeiten. Das reizt ihn. Auch lehren in Jena noch andere interessante Zeitgenossen – was hat es wohl mit diesem Fichte auf sich? Caroline ist gleichfalls angetan. Zumal Friedrich sein Kommen in Aussicht stellt. Es entwickelt sich in der gemeinsamen Wohnung am Löbdergraben eine Art Salon. Allerlei schreibendes Volk schaut vorbei, man will die Brüder Schlegel kennenlernen und natürlich auch die berühmt-berüchtigte Madame Schlegel.

Zum "Jenaer Kreis", Urzelle der Frühromantik, gehören in den späten neunziger Jahren neben den Brüdern Schlegel Ludwig Tieck, Sophie Mereau, Friedrich von Hardenberg (Novalis), Dorothea Veit, der Student Clemens Brentano, Friedrich Schelling und die reizende, etwas frühreife, etwas altkluge Auguste Böhmer. Mittelpunkt ist Caroline, die als Anregerin, Kritikerin, Moderatorin und Rezitatorin (schöne Altstimme!) eine bedeutende Rolle spielt. Jetzt zählen ihre Gedanken so viel wie ihre Blicke, ihre Formulierungen so viel wie ihre Frisur und ihr Witz so viel wie die festliche Tafel. Es ist Carolines goldene Zeit. Sie dauert nur kurz.

Worüber man redet? Über die Freiheit, wie die Franzosen sie verstehen und die Deutschen sie fürchten. Über die Gleichheit, auch zwischen den Geschlechtern: Kann es sie geben? Über die Freundschaft, über Shakespeare, die Elektrizität, die Antike, die Philosophie, den Kosmopolitismus und den Katholizismus… Man lässt nichts aus, getrieben von der Lust, alle Fragen zu vertiefen, die die Aufklärung offengelassen hat.

Caroline Schlegel wird in Lexika als Schriftstellerin geführt. Die glänzende Briefschreiberin war ihrem Temperament nach eher eine Kritikerin, hat auch nur Kritiken veröffentlicht, meist unter Kürzel oder dem Namen ihres Mannes. Das Fabulieren lag ihr nicht, das Rezensieren sehr. Und sie war eine arge Spottdrossel. So ist sie mit ihrer Familie "fast von den Stühlen gefallen vor Lachen", als Schillers dröhnend reaktionäres Lied von der Glocke zum Vortrag kam. Der Dichter war beleidigt. Er nannte Caroline "Dame Luzifer", was er abschätzig meinte.

Mit vierzig heiratet sie erstmals aus Liebe: Den zwölf Jahre jüngeren Schelling

Die aufregende Zeit frühromantischer Geselligkeit in Jena war, kaum dass sie um 1799 ihren Höhepunkt erreicht hatte, 1801 schon wieder zu Ende. Zu den Ursachen zählen weniger ideologische Differenzen als der Streit der Herzen und Gemüter, etwa in der Wohngemeinschaft am Löbdergraben, der legendären Kommune I der deutschen Kulturgeschichte, wo zu Caroline und den Schlegel-Brüdern inzwischen auch noch Friedrich Schlegels Geliebte Dorothea Veit aus Berlin gezogen war. Außerdem lockte manchen der jungen Männer ein Stellenangebot andernorts. Was aber wohl den Kreis schließlich sprengte, war Carolines leidenschaftliche Liebe zu Friedrich Wilhelm Schelling. Das war keine "romanhafte Idee" mehr, sondern romanhafte Wirklichkeit.

Der Württemberger, Jugendgefährte Hegels und Hölderlins, ist 25, zwölf Jahre jünger als sie. Er steht am Beginn seiner Laufbahn als Philosoph, wurde von Goethe nach Jena geholt und begeistert dort die Szene. Und Caroline. Sie erschrickt über ihr Gefühl, unterdrückt es aber nicht, zumal Schelling es erwidert. Der Skandal ist da. Schiller und besonders seine Lotte lassen an der Schlegelin kein gutes Haar, auch Therese Forster, die selbst einst für eine neue Liebe ihren Georg verlassen hat, stänkert mit. Interessanterweise ist es nicht Carolines Mann August Wilhelm, der auf diese Wendung der Dinge mit flammender Empörung reagiert, sondern sein Bruder Friedrich. Dass "seine" Caroline wirklich so souverän ist, wie er es ihrem emanzipierten Porträt in der Lucinde zugetraut hat, mag er nicht akzeptieren. Dorothea sekundiert ihm bei seinen Schmähungen, obschon auch sie – um Friedrichs willen – ihren Ehemann aufgegeben hat.

Es geschieht auf einer Reise mit der 15-jährigen Tochter und mit Schelling, dass Caroline vom Schicksalsschlag ihres Lebens getroffen wird. Die Ruhr grassiert, Auguste infiziert sich und erliegt dem Leiden, es geht alles furchtbar schnell. Caroline erstarrt vor Trauer. Sie und ihr Geliebter versteigen sich in die Vorstellung, dass Gott der Herr sie so für ihre illegitime Liebe bestrafe. Caroline will hinfort in Schelling nur noch einen "Sohn" sehen, keinen Liebhaber mehr. Irgendwann finden die beiden aus diesem Wahn wieder heraus, aber besonders Schelling leidet noch lange unter Depressionen.

An ihrer Ehe mit August Wilhelm, der nach Berlin geht, hält Caroline zunächst noch fest, aber dann finden beide: Eine Scheidung ist ehrlicher. Zeit ihres Lebens haben diese Vernunftehepartner einander Respekt erwiesen. Einmal wird August Wilhelm sogar mit seiner neuen Gefährtin zu Besuch kommen, der berühmten französischen Schriftstellerin Madame de Staël, mit der er im Schloss Coppet am Genfer See lebt.