Nach der knappen Radiomeldung blieb ich zunächst merkwürdig ruhig. Ein möglicher Super-GAU in der Ukraine? Wohl niemand konnte das ganze Ausmaß der Erschütterungen schon im ersten Moment erahnen, welche die Havarie in Block 4 des Atomkraftwerks W.I. Lenin am 26. April 1986 auslösen würde. Außerhalb jeder Vorstellung die für lange Zeit unbewohnbaren Landschaften und Hunderttausenden von Toten, Kranken, Vertriebenen weit über Tschernobyl hinaus; noch kaum auszumalen, dass die Explosion letztlich auch das Fundament einer Supermacht, der Sowjetunion, ins Wanken bringen sollte. Mit dem Inferno am Pripjetfluss war eine jener Katastrophen passiert, vor denen die Kritiker der Atomkraft immer gewarnt hatten.

Historische Momente aus 60 Jahren Bundesrepublik © Barbara Sax/​AFP/​Getty Images

Wyhl, Brokdorf, Ohu, Wackersdorf: Die Kernenergie spaltete die Gesellschaft seit Langem. Der Unfall im Atomkraftwerk Three Mile Island in Harrisburg, bei dem 1979 ein Drittel des Reaktorkerns geschmolzen war, hatte das Versprechen der Nukleargemeinde Lügen gestraft, dass so etwas bei uns nicht passieren könne. Kritische Experten stellten die völlig überzogenen Stromverbrauchsprognosen, mit denen Industrie und Regierungen ihre Pläne für weitere Atomkraftwerke begründeten, infrage. Und sie entlarvten die Risikoanalysen der Betreiber: Eine Kernschmelze einmal in 10000 oder in 100000 Jahren, beides konnte auch morgen heißen. Oder: vor drei Tagen.

Denn so lange dauerte es, bis die ersten verlässlichen Informationen über Tschernobyl in den Westen gelangten. Heute erscheint es unvorstellbar, dass ein Unfall dieser Dimension von Samstag bis Dienstag totgeschwiegen werden konnte; eine Nachrichtensperre würde sofort von einer Unzahl von Bloggern mit Augenzeugenberichten untergraben. Doch noch an jenem Montag, dem 28. April, als im Atomkraftwerk Forsmark im kleinen Küstenort Östhammar wild ausschlagende Messgeräte die schwedischen Betreiber alarmierten, stritten die sowjetischen Behörden alles ab: "Wenn es ein Unglück gegeben hätte, müssten wir es wissen."

Erst am Mittwoch, dem 30. April, wurde Radio Moskau mit dem Wort "Katastrophe" zitiert, sowjetische Diplomaten hätten den Westen um technische Hilfe gebeten. Mitten im Kalten Krieg? Als ich das las, kam endlich der Schreck: Dieser Störfall war der Ernstfall. In den folgenden Tagen und Wochen war zu beobachten, dass er es auch für Politik und Behörden in Deutschland bedeutete – und dass die Verantwortlichen hierzulande den Herausforderungen kaum gewachsen waren.

Friedrich Zimmermann, als Innenminister in der Kohl-Regierung zuständig für Umweltfragen, spielte die Situation sogleich herunter: Wenn überhaupt irgendwelche Radioaktivität Deutschland erreiche, dann in einer Konzentration, die "mit Sicherheit" nicht so hoch sei, "dass sie gefährlich wird". Also ließen die Bürger ihre Kinder auch draußen spielen, als mit dem ersten Mairegen in vielen Teilen des Landes Cäsium 137, Jod 131 und Strontium 90 auf Äcker und Waldböden, Gemüsebeete und Balkonkästen niedergingen. Als im Jahr zuvor im Ruhrgebiet der Smogalarm ausgerufen wurde, hatte man die Schadstoffe wenigstens riechen und sehen können. Radioaktivität dagegen entzog sich allen Sinnen. Ob der Tau auf den Wiesen, die Pilze im Wald, die Sohlen der Schuhe, alles schien verdächtig und bedrohlich.

Politiker und Behörden versuchten weiter, die Folgen des Unfalls herunterzuspielen. Die Sprachregelung der Strahlenschutzkommission lautete: "Keine akuten Gefahren". Doch das Misstrauen wuchs mit dem Riesen-Tohuwabohu um die Mess- und Grenzwerte, das nun einsetzte. Geigerzähler verschiedener Institute schlugen hier wild aus, dort kaum. In Bayern, wo die Niederschläge besonders kräftig ausfielen, tadelte der CSU-Bundestagsabgeordnete Kurt Faltlhauser die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung GSF, weil sie "ständig eigene Messwerte" veröffentliche, "ohne sich rechtzeitig mit dem Umweltministerium abzustimmen". Das klang wie eine Aufforderung zum Frisieren der Zahlen.

Typisch für diese Wochen: das Besetztzeichen. Ratlose Bürger und Journalisten kamen beim Telefonieren kaum durch, wenn sie sich bei unabhängigen Strahlen- und Pilzexperten, Physikern und umweltpolitischen Sprechern kundig machen wollten. Es war die Stunde der damals noch jungen taz. Sie verdoppelte ihre Auflage, weil ihre Redakteure die kritischen Experten seit Langem kannten.