Die Toten sind tot, und die Lebenden trinken, um endlich bald tot umzufallen – die Kommissare Max und Freddy, Kölner Brüder vom weisen Ratschluss, geben wenig auf Kalendersprüche. Sie starren auf die Tote im Wohnzimmer, sie finden den komatös dämmernden Sohn im Nebenzimmer, sie eilen zum schwer verletzten Ehemann im Krankenhaus.

Auch mit eins komma vier Promille im Blut kann er ihnen verraten, dass ein Einbrecher wild zugestochen habe. Ist dem Mann zu trauen? Die Schwester und der Oberarzt tun es, nicht ohne zu murren – der zerstochene Herr Professor ist ihr Boss, er leitet als torkelnder Gott im Kittel die Klinik. Manchmal hat er es satt, den Wunderheiler zu spielen, dann füllt er den Cognacschwenker bis über den Eichstrich. Der Klage über die Zerknirschung in einer perfekten Welt können Max und Freddi nichts abgewinnen. Ein Messerstecher im Hause des Chirurgen? Nein, sagt Freddy. Wir geben ihm recht und trinken unser Glas Zitronensprudel leer.

SERIE: TATORT FERNSEHEN. Klicken Sie auf das Bild, um alle Besprechungen von Feridun Zaimoglu zu lesen

Der saubere Sohn der Familie hat mittlerweile seinen Schnapsrausch ausgeschlafen und wird unter Freddys harter Hand langsam nüchtern. Was tut ein Säufer, wenn er auf zwei Säufer stößt? Kommissar Max verbittet sich jeden Hinweis auf sein kleines Alkoholproblem – ja, er trinke ab und zu ein Bierchen mit Freunden, gut, nach Feierabend greife er eiskalt zur Flasche, er wolle sich aber deshalb nicht auf die Couch legen. Dann setz’ dich auf den Sessel, sagt Freddy. Du bist einsam, sagt Lydia, die Psychologin. Dämonenbrause Alkohol, denken wir und füllen unser Glas ganz brav mit ordinärem Leitungswasser. Wie oft haben wir sturzbesoffene Männer von Spaß brüllen hören, bis sie vom Barhocker herunterkrachten? Und wie oft bestellten wir beim Wirt Kirschbananensaft mit zwei Eiswürfeln und wurden angestarrt, als wären wir ein käferknackender Waldmormone? Es ist dann doch kein großer Schritt vom kleinen Schwips zum schweren Suff.

Wir verstehen schon: Männer bekommen vom vielen Schweigen einen trockenen Mund, und dann trinken sie sich den Mut zum Wahnsinn an. Der Sohn des Chirurgen, Jonas, hat einen Mitschüler mit Whiskey überschüttet und angezündet. Wo keine Liebe ist, kann man ein bisschen Liebe ersaufen. Der perfekte Arzt zeigt stolz seine Hände, sie zittern nicht, und wer ihm einen Kunstfehler nachsagt, verkennt, dass er in einer Welt ohne Fehler lebt. Freddy würde ihm gerne was aufs Pfötchen geben oder mit ein paar Maulschellen echte Gefühle ins Gesicht zaubern. Doch er beherrscht sich und knöpft sich, einer nach dem anderen, alle Verdächtigen vor: Den Geschäftspartner des properen Professors, den vor Kummer halb irren Stefan K., dessen Frau in der Klinik während einer Routine-OP verstarb. Am Ende wissen wir, dass es keine heiligen Trinker gibt, aber Männer mit dem Willen zur (Selbst-) Zerstörung. Wir sind wie betäubt und trunken vor Glück. Regie, Skript, Schauspiel – alles an dieser Folge ist meisterhaft und überragend.

ARD, Sonntag, 23. August, 20.15 Uhr